Franzl und Sisi, die Prototypen von Kaiser und Frau Kaiser

"Unser Kaiserpaar als glückliche Neuvermählte", Franz Joseph und Elisabeth im Schönbrunner Garten, Druck

"Österreichs Vertrauen und Zukunft". Kaiser Franz Joseph, Erzherzog Karl und Erzherzog Otto mit Spielzeugsoldaten, Farblitho

Georg Raab: Kaiserin Elisabeth als ungarische Königin, 1867

"Die Familie des Kaisers von Österreich", Xylografie

Wer kennt es nicht, das romantische "Traumpaar" Franz Joseph und Elisabeth. Sie sind die Stars des Habsburger-Clans.

"Unser Kaiserpaar als glückliche Neuvermählte", Franz Joseph und Elisabeth im Schönbrunner Garten, Druck

"Österreichs Vertrauen und Zukunft". Kaiser Franz Joseph, Erzherzog Karl und Erzherzog Otto mit Spielzeugsoldaten, Farblitho

Georg Raab: Kaiserin Elisabeth als ungarische Königin, 1867

"Die Familie des Kaisers von Österreich", Xylografie

Wenn in der Öffentlichkeit die Rede von „den Habsburgern“ ist, drängt sich den meisten Menschen unweigerlich die Vorstellung des glücklich vermählten Kaiserpaares Franz Joseph und Elisabeth auf. Das Bild Franz Josephs mit seinem charakteristischen Backenbart und in einer adretten Uniform ist ebenso beliebt wie jenes der Kaiserin Sisi, der „Sissi“ aus der beliebten Filmreihe.

Auch die einschlägige populäre Literatur über die Geschichte der Habsburger konzentriert sich auf „Franzl“ und „Sisi“. Mit blumigen Ausdrücken und Superlativen wird nicht gespart: Die Figur „Franz Joseph“ ist darin ein unkreativer, an Kunst desinteressierter, zutiefst religiöser Sonderling, der aber ein vorbildlicher Bürokrat ist und als alternder Kaiser zum Inbegriff der Monarchie wird, der das letzte einende Band eines untergehenden Reiches darstellt. Er „gibt sich dem Kaiseramt hin“ und hat einen „fanatischen Sinn für Pflicht und Ordnung“. Trotz der wenigen zur Verfügung stehenden Zeit ist er ein „Familienmensch“, spielt gerne mit seinen Kindern, legt aber auch Wert auf deren strenge Erziehung zu „würdigen“ Familienmitgliedern. Außerdem ist er „volkstümlich“: Nicht zuletzt hat er ja Affären, die ihm als mächtigem Mann geradezu verständnisvoll zugebilligt werden. Vor allem zumal „seine Engels-Sisi“, die er trotz der Eheprobleme „abgöttisch“ liebt und die er in Briefen mit Liebesfloskeln überhäuft, im Lauf der Zeit ihre „ehelichen Pflichten“ (!) vernachlässigt.

Elisabeth dagegen nimmt die Rolle einer zwar kreativen, aber psychisch labilen jungen Frau ein, die zwar hie und da politische Bedeutung erlangt, etwa beim Ausgleich mit Ungarn. Meist mimt sie aber das monarchische Zuckerpüppchen: Sie ist die „freigeistig denkende Kaiserin“, die den Großteil ihres Lebens mit Reisen verbringt. Sie kümmert sich wenig um ihre Familie, zieht sich in ihre „selbstgezimmerte Traumwelt“ zurück, ist ein „spintisierender“ Geist und agiert immer abgehobener von der Realität.

Die Frage nach den „tatsächlichen“ historischen Personen Franz Joseph und Elisabeth stellt sich in solchen Darstellungen überhaupt nicht mehr: Selbstverständlich wurden diese Menschen in ihren dynastischen Umfeldern gemäß den damals dominanten Vorstellungen erzogen, wie denn ein Mann, eine Frau, ein angehender Monarch, eine heiratsfähige Adelige zu sein hätten. Wenn historische Personen aber, wie im Fall des Traumpaares „Franzl“ und „Sis(s)i“, bis zur Unkenntlichkeit überzeichnet werden, erübrigt sich die Frage nach dem wahren Kern von historischen Überlieferungen. Vielmehr dienen der „alte Kaiser“ und die „schöne Kaiserin“ als Projektionsflächen: Sie werden benutzt, um festgefahrene Bilder von Geschlechterrollen, wie denn ein Herrscher und „seine“ Frau auszusehen und zu sein hätten, zu rechtfertigen und zu festigen. Und sie dienen dazu, ein untergehendes Vielvölkerreich, eine untergehende Dynastie in einem schönfärberischen Licht zu präsentieren und den Blick von den Schattenseiten der habsburgischen Geschichte abzulenken.

Stephan Gruber