Luigi Lucheni – Der Mann hinter der Feile

Bericht vom Attentat auf Elisabeth, Zeitung "Le Petit Parisien", 25. September 1898

Lucheni im Kerker, Zeitungsausschnitt

Über die Ermordung Kaiserin Elisabeths sind wir bis zu ihrem letzten Atemzug, den sie auf dem Schiff am Genfer See tat, bestens informiert. Ungleich spannender ist, was mit ihrem Mörder geschah und wieso er erst im Jahr 2000 beigesetzt wurde. Sein Kopf zumindest.

Bericht vom Attentat auf Elisabeth, Zeitung "Le Petit Parisien", 25. September 1898

Lucheni im Kerker, Zeitungsausschnitt

Elisabeth fiel am 10. September 1898 einem Attentat zum Opfer. Ein Mann erstach die Kaiserin in ihrem 61. Lebensjahr mit einer Feile.

Was trieb den jungen Mann zu einer solchen Tat? Lucheni wurde im April 1873 als Sohn einer Arbeiterin italienischer Abstammung in Paris geboren. Er wuchs in einem Waisenhaus auf und musste seit seinem zehnten Lebensjahr hart arbeiten. Mit 20 Jahren trat Lucheni in den Militärdienst, nahm am Abessinienfeldzug teil und hatte danach für kurze Zeit eine Anstellung beim Fürsten von Aragon. Zumeist aber lebte Lucheni mehr schlecht als recht von Gelegenheitsarbeit. Sein Hass gegen die Aristokratie wuchs beständig, bis Lucheni beschloss, seiner Verbitterung durch ein Attentat Ausdruck zu verleihen.

Seiner Verhaftung widersetzte Lucheni sich nach der Tat nicht und forderte für sich die Todesstrafe, um als politischer Märtyrer in die Geschichte einzugehen. Doch sein Antrag auf Auslieferung nach Italien, wo dies möglich gewesen wäre, wurde abgelehnt, und Lucheni wurde nach den Gesetzen des Kantons Genf zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt. Zwölf Jahre später fand man ihn erhängt mit einem Gürtel in seiner Dunkelzelle. “Selbstmord” lautete die offizielle Version, über die es freilich eine Reihe von Unklarheiten gibt; jedenfalls war das Gefängnispersonal erleichtert, den als unbequem und hinterhältig geltenden Insassen nicht mehr in Gewahrsam zu haben.

Sieht man dem Gehirn eines Mörders seine Veranlagung an? Um dieser Frage nachzugehen, untersuchten Wissenschaftler Teile von Luchenis Leichnam, ohne jedoch Abnormitäten festzustellen. Danach verschloss man die Schädeldecke und konservierte den Kopf des Mörders in einem Glasbehälter mit Formaldehyd. “Durch die nicht ganz klare Flüssigkeit, die seinen Kopf ein wenig verformt, hat er etwas Grauenerregendes. Die Augen sind halb geöffnet und der leicht verzerrte Mund gibt den Blick auf einwandfreie Zähne frei”, wird 1920 berichtet. 1985 kam das Objekt auf Ansuchen Österreichs nach Wien zur Aufbewahrung im Narrenturm, einem Teil des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums. Prinzipiell war keine öffentliche Ausstellung des Kopfes vorgesehen; doch wurde der Narrenturm speziell an Gedenktagen belagert. So entschloss man sich 2000, der Neugier ein Ende zu setzen und den Kopf von Sisis Mörder in den Anatomiegräbern am Wiener Zentralfriedhof zu bestatten.

Sonja Schmöckel