Ein Platz an der Sonne: Joseph II., der Augarten und die Freizeitgestaltung der WienerInnen

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"Allen Menschen gewidmeter Erlustigungs-Ort von ihrem Schätzer" steht bis heute auf dem Hauptportal in den Wiener Augarten geschrieben. Kaiser Joseph II. öffnete 1775 den Augarten für die Allgemeinheit – der ehemals exklusiv für den Hofadel reservierte Garten wurde zu einer öffentlichen Parkanlage.

Joseph II. ließ den alten Barockgarten ganz nach dem Geschmack der WienerInnen umgestalten: zusätzliche schattenspendende Alleen wurden angelegt, Bänke zum Rasten aufgestellt und sogar Nachtigallen zur akustischen Untermalung ausgesetzt. Die WienerInnen dankten es ihm, indem sie den Augarten in kürzester Zeit zu einem ‘hot spot’ der gerade im Entstehen begriffenen Großstadt Wien werden ließen. Eine Beschwerde des sich in seiner Exklusivität gestört fühlenden Adels beantwortete der Kaiser gewohnt sarkastisch: Wenn er unter seinesgleichen bleiben wollte, so bliebe ihm nur die Kaisergruft bei den Kapuzinern. Demonstrativ ließ Joseph mitten im Parkgelände sein privates Sommerhaus, das Josephsstöckl, errichten.

Zentrum der Anlage war das Saalgebäude, der Rest der ehemaligen Alten Favorita, ein auf Kaiser Ferdinand III. zurückgehendes kaiserliches Lustschloss. Hier veranstaltete seit 1782 ein ehemaliger Leibkoch Maria Theresias und Vorläufer der modernen Eventmanager namens Ignaz Jahn als Aufwertung seines Restaurantbetriebes die in die Musikgeschichte eingegangenen Morgenkonzerte, die zu einem Treffpunkt der eleganten Welt wurden. Diese Konzerte, bei denen u. a. auch Mozart und später Beethoven auftraten, fanden bewusst am Vormittag statt, denn um diese Tageszeit war die vornehme Gesellschaft ungestört vom Pöbel – das gemeine Volk war noch bei der Arbeit.

Gemeinsam mit der Öffnung des Augarten wurden sukzessive die ehemals für die breitere Öffentlichkeit gesperrten kaiserlichen Gärten und Jagdgebiete in und um Wien für die gewöhnlichen BürgerInnen zugänglich gemacht: Schon als Mitregent seiner Mutter Maria Theresia setzte Joseph durch, dass die Anlagen des Praters seit 1766 und die Gärten von Schönbrunn seit 1779 jedermann zur Erholung offen stehen sollten. Wie bei so vielen der Reformen Josephs II. stand bei der Öffnung des Augartens nicht unbedingt reine Menschenliebe im Vordergrund. Vielmehr sollte im Sinne der utilitaristischen Ideale der Aufklärung der braven Bürgerschaft nach getaner Arbeit eine Möglichkeit zur geistigen Erholung und körperlichen Ertüchtigung geboten werden.

Martin Mutschlechner