Leopold Fertbauer: Familienbild des Kaiserhauses um den Herzog von Reichstadt, Ölgemälde, 1826

J. Fr. Tremblay (nach Entwurf von Antonio Carassi): Kinderwagen des Königs von Rom, 1811/12

J. Fr. Tremblay (nach Entwurf von Antonio Carassi): Kinderwagen des Königs von Rom, 1811/12 (Detail)

Marie Louise und der Herzog von Reichstadt

Leopold Fertbauer: Familienbild des Kaiserhauses um den Herzog von Reichstadt, Ölgemälde, 1826

J. Fr. Tremblay (nach Entwurf von Antonio Carassi): Kinderwagen des Königs von Rom, 1811/12

J. Fr. Tremblay (nach Entwurf von Antonio Carassi): Kinderwagen des Königs von Rom, 1811/12 (Detail)

So erstaunlich es auch sein mag: Die Ehe der Erzherzogin Marie Louise mit dem um 21 Jahre älteren Erzfeind ihres Vaters wurde eine glückliche Verbindung. Als Marie Louise am 20. März 1811 in Paris den ersehnten Thronerben zur Welt brachte, schien das Glück vollendet zu sein. Der Traum von der Begründung einer neuen, mächtigen Dynastie sollte sich jedoch nicht erfüllen: Bereits drei Jahre später hatte sich das Kriegsglück gewendet und Napoleon wurde gestürzt.

Leopold Fertbauer: Familienbild des Kaiserhauses um den Herzog von Reichstadt, Ölgemälde, 1826

J. Fr. Tremblay (nach Entwurf von Antonio Carassi): Kinderwagen des Königs von Rom, 1811/12

J. Fr. Tremblay (nach Entwurf von Antonio Carassi): Kinderwagen des Königs von Rom, 1811/12 (Detail)

Napoleon brachte seiner jungen Frau viel Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit entgegen, die Marie Louise erwiderte. Neun Monate nach der Vermählung brachte die Kaiserin am 20. März 1811 einen Knaben zur Welt. Die Geburt war so schwer, dass die Ärzte vor der Wahl standen, entweder das Leben des Kindes oder das der Mutter zu erhalten. Der verzweifelte Kaiser entschied sich für das Leben der Mutter und als die Ärzte das Kind mit Hilfe der Zange geholt hatten, schien es tot zu sein. Die Freude war riesig, als das achtlos auf dem Teppich abgelegte Baby schließlich doch noch Lebenszeichen von sich gab. Noch am selben Tag verlieh Napoleon seinem neugeborenen Sohn den Titel „König von Rom“ - jenen Titel, der im Heiligen Römischen Reich die Anwartschaft auf die römische Kaiserwürde sicherte.

Das Kind, um das sich der Vater liebevoll kümmerte, wurde auf den Namen Napoleon Franz getauft.

Marie Louise war in Paris sehr schnell zur Französin geworden, sprach die Landessprache lieber als Deutsch und bevorzugte den französischen Lebensstil. Als sie nach dem Sturz Napoleons erkennen musste, dass ihre Tage in Paris gezählt sein würden, traf sie das schwer. Zwiespältig kehrte sie mit ihrem Sohn in die Heimat zurück, ihr Schicksal und das ihres Kindes hingen nun von den Siegermächten ab. Marie Luise erhielt als Abfindung das Herzogtum Parma mit Piacenza und Guastalla zugesprochen.

Da man am Wiener Hof wusste, wie labil die junge Frau reagierte, verheimlichte man ihr die vielen Briefe, die Napoleon von der Insel Elba an sie schreib. Um sie auf andere Gedanken zu bringen, stellte ihr Kaiser Franz II./I. den Grafen Neipperg als Beschützer und Ratgeber an die Seite. Nach dem Tode Napoleons heiratete sie heimlich den Grafen und hatte mit ihm zwei uneheliche Kinder – ein Fehltritt, den Kaiser Franz seiner Tochter verzieh. Nach dem Tode Neippergs  ging Marie Louise eine dritte Ehe mit dem Grafen Charles-Rene Bombelles ein. Die ehemalige französische Kaiserin regierte Parma mit weiser Hand. Ihre letzten Worte „Addio amici miei“ (Lebt wohl, meine Freunde) richtete sie an die Vertreter des Staatsrates, sie hatte für ihr Land viel Gutes getan.

Als Marie Louise 1816 nach Parma abreiste, blieb ihr Sohn in Wien zurück und wuchs unter der Obhut seines Großvaters und den wachsamen Augen Metternichs auf. Bald fanden alle am Hof Gefallen an dem blondgelockten Buben mit den blauen Augen und mit zwar eigenartigem, aber faszinierendem Charme. Im Jahre 1816 wurde für ihn der Titel „Herzog von Reichstadt“ geschaffen.

Marie Louise kam selten zu Besuch, schickte aber regelmäßig Geschenke um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Das Kind verzehrte sich nach der Mutter und war außer sich vor Freude, wenn Marie Louise dann endlich nach Wien kam. Unsicher und unentschlossen wagte es die Mutter nicht, sich gegen Metternich zu behaupten und das Kind nach Parma zu holen.

Als der „deliziöse Reichstadt“, wie er allgemein genannt wurde, zum Jüngling herangewachsen war, war er von Frauen jeden Alters umschwärmt, die seiner Faszination nicht widerstehen konnten. Seine militärische Laufbahn wurde immer wieder durch Krankheit unterbrochen, denn er litt seit frühester Kindheit an chronischer Bronchitis und an zahlreichen Erkältungen, die durch starke Hustenanfälle begleitet wurden. Im Juni 1832 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand derart, dass Marie Louise aus Parma herbeigerufen wurde. Als sie nach langer Anreise endlich eintraf, fand sie den Sohn in Schönbrunn sterbend vor. Die Tuberkulose hatte seine Lunge und seinen Kehlkopf zerfressen. Der einst so schöne, hochgewachsene Herzog (1,86 Meter) lag zum Skelett abgemagert in seinem Bett. Kurz vor seinem Tod flüsterte er: „Ach Gott, meine Mutter! Ich gehe unter!“

Monica Kurzel-Runtscheiner / Michael Wohlfart