Die Übergabe der Braut

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Zwei Tage nach der Trauung "per procurationem" (Stellvertreter-Hochzeit) in der Wiener Augustinerkirche am 11. März 1810 verließ Marie Louise die österreichische Hauptstadt und machte sich auf die Reise zur offiziellen Übergabe an Frankreich.

Von ihrem österreichischen Gefolge begleitet, ging es Richtung Westen. An der bayrisch-österreichischen Grenze übernahm eine französische Kavallerieabteilung die Begleitung. Hier zeigte sich wiederum die Ungleichheit der Kräfte, denn die Grenze wurde erst kürzlich zu Ungunsten Österreichs verschoben. Das Habsburgerreich musste einige empfindliche Gebietsverluste hinnehmen, so ging das (erst seit 1779) österreichische Innviertel an Bayern, das mit Napoleon verbündet war.

Die Übergabe erfolgte in Sankt Peter am Hart in der Nähe von Braunau am 16. März. Schauplatz der feierlichen Zeremonie war ein eigens errichteter Pavillon, der aus drei festlich geschmückten Räumen bestand: Anschließend an den Mittelsaal, wo die Übergabe stattfand, war gegen Osten ein Raum für die österreichische Delegation eingerichtet, dem im Westen ein Raum für die französische Gesandtschaft entsprach.

Im Mittelsaal hing ein mit edlen Stoffen ausgeschlagener Thronhimmel, unter dem sich ein Thronsessel befand, auf dem die zukünftige Kaiserin der Franzosen Platz nahm. Marie Louise erschien in einem reich bestickten Kleid aus Goldbrokat und trug ein mit Diamanten besetztes Miniaturporträt Napoleons. Die Braut wurde vom kaiserlichen Obersthofmeister Fürst Trauttmansdorff dem französischen Kommissär Marschall Berthier übergeben. Während der Übergabezeremonie wurde der Heiratsvertrag unterzeichnet, dessen Inhalt den Anwesenden laut vorgelesen wurde.

Danach durfte das österreichische Gefolge der nun zur Französin gewordenen Marie Louise ein letztes Mal die Hand küssen, bevor die Braut an ihren neuen französischen Hofstaat übergeben wurde. In ihren Briefen an den Vater schrieb Marie Louise, dass sie diesen Moment als besonders schmerzhaft empfand, da sie nun ihrer gewohnten Umgebung endgültig entrissen wurde.

Marie Louise wurde nun in den französischen Teil des Pavillons geleitet, wo sie von Caroline, der jüngsten Schwester Napoleons mit einer Umarmung als Mitglied der Familie begrüßt wurde. Caroline, mit General Murat verheiratet, wurde von Napoleon 1808 zur Königin von Neapel ernannt. Ein Umstand, der der Habsburgerin Marie Louise wiederum ihre Situation vor Augen führte – wurde doch ihre Großmutter, Maria Carolina (eine Tochter Maria Theresias, die mit König Ferdinand von Bourbon-Neapel verheiratet war), durch die Truppen Napoleons vom neapolitanischen Thron vertrieben. Maria Carolina war von Hass auf Napoleon durchdrungen. Als sie erfuhr, dass ihre Enkelin mit ihrem Widersacher verheiratet werden sollte, bezeichnete sie sich als „des Teufels Großmutter“.

Danach ging es in die nächste Stadt, Braunau am Inn, wo für die junge Kaiserin ein Nachtquartier bereitstand. Dort angekommen, wurde sie zunächst völlig neu nach französischer Manier eingekleidet. Am nächsten Morgen zog der aus 36 prächtigen Kutschen gebildete Konvoi weiter Richtung Frankreich.

Martin Mutschlechner