Die Ehen des 'nützlichen' Kaisers

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Verglichen mit Maria Theresia hat Joseph II. einen schweren Stand in der Publikumsgunst. Auch sein Liebesleben war weit weniger bilderbuchhaft als das seiner Mutter.

Guten Morgen, liebe Schwester, Da ich kaum die Augen offen habe, so kann ich nicht gut auf Ihre Fragen antworten. Ich werde Ihnen aber doch sagen, daß es mir gut geht, daß ich gut geschlafen habe, daß ich Sie rasend liebe und daß ich hoffe, Sie gut zu küssen, auch daß ich entzückt sein werde, Sie zu sehen, Sie zu küssen, von Ihnen geküßt zu werden.

Isabella von Parma an ihre Schwägerin und mutmaßliche Geliebte Marie Christine

Ich habe alles verloren … Aufs tiefste betrübt und darniedergedrückt weiß ich kaum, ob ich noch lebe. Welch schreckliche Trennung; werde ich sie überdauern? Ja gewiß, nur um mein ganzes Leben hindurch unglücklich zu sein.

Joseph II. nach dem Tod seiner ersten Frau Isabella von Parma

Joseph II. gilt zwar als wohlmeinender, auf „Nützlichkeit“ seiner Maßnahmen bedachter, aber eigenwilliger, zynischer und gar tragischer Monarch. Die Josephinische Liebestragödie bestand vor allem in der Zuneigung zu seiner früh verstorbenen ersten Frau: Joseph heiratete 1760 Isabella von Parma. Nach außen hin war es eine Vorzeigeehe – und Joseph war von der Gattin, die seine Mutter für ihn ausgesucht hatte, begeistert. Doch Isabella dürfte ganz anders empfunden haben: Sie lehnte die Zwänge des höfischen Zeremoniells ab und fühlte sich als Ehegattin des Kaisers kaum wohl. Deshalb wird sie manchmal mit der berühmten Elisabeth verglichen. Und einen weiteren Schönheitsfehler hatte diese Liebesgeschichte: Es gibt Hinweise auf eine lesbische Beziehung Isabellas mit ihrer Schwägerin Marie Christine, die sie ihren „allerliebsten und allerschätzbarsten Schatz“ nannte. Die ihr zugedachte Rolle als Mutter eines künftigen Kaisers konnte Isabella nicht erfüllen: Neben zwei Fehlgeburten brachte sie zwei Töchter zur Welt, und beide starben im Kindesalter. Wenige Tage nach ihrer letzten Entbindung starb die erst 22-jährige Isabella an den Pocken.

Ebenfalls von kurzer Dauer, dafür noch weit unromantischer war Josephs zweite und letzte Ehe mit Maria Josepha von Bayern, die Maria Theresia kurz nach Isabellas Tod einfädelte. Joseph soll Josepha als „abstoßend hässlich“ empfunden haben, andere Kommentatoren beschreiben sie als „wenig schön“. Diese Beschreibungen sind in Josephas Porträtgemälde für heutige BetrachterInnen nicht unbedingt nachvollziehbar – ein Hinweis auf die Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen Aussehen historischer Personen und ihrer Darstellung in repräsentativen Gemälden.

Joseph zeigte in seiner zweiten Ehe wenig Engagement. Er behandelte seine Gattin wie eine Aussätzige und soll sogar die Verbindungstür zwischen den Appartements der beiden versperren haben lassen. Lieber vergnügte er sich in außerehelichen Beziehungen und mit Prostituierten: Leopold II. bemerkte, dass sein Bruder sich zu „niedrigen und schmutzigen Frauen“ hingezogen fühlte. Als Josepha 1767 wie ihre Vorgängerin Isabella an Pocken starb, erschien Joseph nicht einmal zu ihrem Begräbnis.

Aus keiner der beiden Ehen Kaiser Josephs entstanden also Thronfolger, darum kümmerte sich Josephs Bruder Leopold. Statt nochmals zu heiraten, widmete sich Joseph in den folgenden Jahren ganz seiner Regentschaft.

Stephan Gruber