Im Vorhof der Macht – Die vier Obersten Hofchargen

Große Galauniform einer Obersten Hofcharge, um 1913

K.F. Gsur: Obersthofmeister Fürst Montenuovo hält Vortrag im Schloss zu Schönbrunn, Zeichnung, 1908

Ottokar Walter: Erster Stallmeister Graf Kinsky bei der Bespannung, Zeichnung, 1898

Obersthofmeister, Oberstkämmerer, Oberstmarschall und Oberststallmeister waren die Vorsteher der vier Hofstäbe, also der Hauptabteilungen des Hofes. Dem Hochadel vorbehalten, waren dies die höchsten Posten, die der habsburgische Hof zu vergeben hatte. Sie symbolisierten jahrhundertelange Tradition und bildeten bei zeremoniellen Anlässen die unmittelbare Umgebung des Monarchen.

Große Galauniform einer Obersten Hofcharge, um 1913

K.F. Gsur: Obersthofmeister Fürst Montenuovo hält Vortrag im Schloss zu Schönbrunn, Zeichnung, 1908

Ottokar Walter: Erster Stallmeister Graf Kinsky bei der Bespannung, Zeichnung, 1898

Wurde man vom Kaiser auf einen dieser Posten berufen, bedeutete dies lebenslanger persönlicher Dienst bei Hof. Das Dienstverhältnis wurde erst durch Ableben des Monarchen oder des Würdenträgers beendet. Man sah dies nicht als gewöhnliches Angestelltenverhältnis, sondern als Ehrendienst am Fürsten – und wurde dennoch fürstlich bezahlt!

Was waren die Vorteile: Die Obersten Hofchargen verfügten über Vorrechte bezüglich des Zutritts zum Monarchen, denn sie bildeten die Verbindung zwischen Kaiser und Hof. Zur Wahrung der Unnahbarkeit der Majestät, mit der eine persönliche Einmischung in die Abläufe der Hofverwaltung unvereinbar war, ließ der Kaiser über seine Würdenträger Befehle erteilen.

An der Spitze stand der Obersthofmeister, der die oberste Aufsicht über das gesamte Hofwesen innehatte und sozusagen der Geschäftsführer der Firma Habsburg war.

Er verfügte über eine enormen Aufgabenbereich: Ihm unterstand die Kanzleidirektion, das ökonomische Verwaltungszentrum des Hofes, und daran angeschlossen die so genannten Hofdienste, also die eigentliche Hofwirtschaft, die für Verköstigung und Unterbringung des Hofes sowie für Reinigung und Beheizung der Hofgebäude zu sorgen hatte.

Als Chef des Hofes hatte er auch den Oberbefehl über die für die Sicherheit des Monarchen verantwortlichen Hofgarden. In sein Ressort fiel ebenso die Verwaltung des körperlichen und seelischen Heils der Habsburger, die Hofgeistlichkeit und der Ärztestab samt Hofapotheke.

Im Rang an zweiter Stelle stand der Oberstkämmerer, der Vorstand der kaiserlichen Kammer, d. h. des Privatbereiches des Monarchen. Er kontrollierte den Zutritt zum Herrscher und vergab Termine für Audienzen. Außerdem gehörten in seinen Einflussbereich die kaiserlichen Sammlungen.

Der Obersthofmarschall sorgte für Recht und Ordnung bei Hofe. Ursprünglich übte er tatsächlich die Gerichtsbarkeit über das Hofgesinde aus, im 19. Jahrhundert war er jedoch nur mehr für juristische Angelegenheiten innerhalb der Familie Habsburg zuständig. Besonders in der Spätzeit Franz Josephs hatte diese Abteilung einige pikante Skandale im allerhöchsten Haus zu bewältigen.

Der Oberststallmeister schließlich stand über dem Hofstall, der Reitschule und der Wagenburg. Hier ging es nicht nur um Mobilität, sondern auch um Prestige: Edle Pferde und prächtige Equipagen bildeten einen Grundpfeiler aristokratischen Glanzes, weshalb diese Abteilung sehr kostspielig und personalintensiv war.

Martin Mutschlechner