Der Nachgeborene und sein Vormund

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In der dynastischen Erbfolge gingen oft Herrschaftsaufgaben auf Kinder über. Da diese aufgrund ihres niedrigen Alters noch nicht regierungsfähig waren, wurde ihnen bis zum Erreichen der Volljährigkeit ein Vormund zur Seite gestellt.

Als König Albrecht II. schon etwa ein Jahr nach seinem Regierungsantritt unerwartet verstarb, hatte er noch keinen männlichen Nachkommen: Erst einige Monate nach seinem Tod kam 1440 sein Sohn Ladislaus zur Welt, der aufgrund dieser Tatsache den Beinamen „Postumus“ – „der Nachgeborene“ – erhielt. Durch eine abenteuerliche Aktion wurde das Baby zum König von Ungarn: Die Hofdame Helene Kottanner konnte die ungarische Stephanskrone stehlen und zu Elisabeth, der Mutter von Ladislaus, bringen.

Wenige Wochen nach seiner Geburt wurde Ladislaus, der auch Erbe der niederösterreichischen Länder war, zum ungarischen König gekrönt. Sein Onkel, der spätere Kaiser Friedrich III., erhielt die Vormundschaft: Er sollte als ältester Habsburger die Ansprüche des kleinen Ladislaus auf die böhmische und die ungarische Krone durchsetzen und die Einheit des Hauses Österreich sichern. Der habsburgische Besitz der ungarischen Stephanskrone war aber nur vorübergehend: Friedrich wurde von den Ungarn nicht als Vormund anerkannt, die Stände wählten einen anderen Reichsverweser.

1442 wurde Friedrich III. in Aachen zum König des Heiligen Römischen Reiches gekrönt. Die Macht des römisch-deutschen Königs war aber zu dieser Zeit auf einem Tiefpunkt – fast 30 Jahre lang betrat Friedrich III. die Binnenländer des Reiches überhaupt nicht. Auch in Österreich war Friedrich nicht sehr beliebt und sah sich einer starken Opposition von Adeligen gegenüber: Der „Mailberger Bund“ forderte von ihm die Beendigung seiner Vormundschaft über Ladislaus. Friedrich reagierte auf seine Art – er wich dem Konflikt aus, indem er nach Rom zur Kaiserkrönung zog und sein Mündel Ladislaus einfach mitnahm.

Nach Friedrichs Rückkehr wurde die Opposition gewalttätig: Ein ständisches Heer belagerte den Kaiser 1452 in Wiener Neustadt, dieser musste den zwölfjährigen Ladislaus nun endgültig aus seiner Vormundschaft entlassen. Ladislaus richtete seine Ambitionen vor allem auf Ungarn und Böhmen, 1453 wurde er auch zum böhmischen König gekrönt. Doch schon kurze Zeit später verstarb der erst 17-Jährige: Es tauchten Gerüchte auf, dass er vergiftet worden sei. Wahrscheinlich war jedoch die Beulenpest die Todesursache. Mit Ladislaus‘ Tod war wieder einmal eine Neuordnung des habsburgischen Erbes notwendig: Sowohl Kaiser Friedrich III. als auch dessen Bruder Herzog Albrecht VI. stellten Ansprüche, was zu einem neuerlichen Bruderzwist führen sollte.

Stephan Gruber