Ein Krieg um Kartoffeln und Zwetschken

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"Zwetschkenrummel" und "Kartoffelkrieg" nannten ZeitgenossInnen den Krieg um die bayrische Erbfolge. So harmlos wie diese Bezeichnungen war die Angelegenheit aber nicht.

Aber vergesset niemals: besser ein mittelmäßiger Frieden, als ein glorreicher Krieg.

Maria Theresia 1778 an ihren Sohn Joseph II.

Die neben dem Lager angelegten Abtrittsgruben und der Boden zwischen diesen und den Zelten waren ganz rot vom Blut der Leute, die sich hin- und herschleppten. Unzählige große Fliegen tanzten über diesem schrecklichen Ort. Wir hatten vielleicht zehntausend Kranke, von denen eine ungeheure Menge starb.

Bericht aus einem Feldlager über die Auswirkungen der Ruhr

Die Unordnung, die hier herrschte, überschreitet selbst die Dummheit der Menschen und das will viel sagen, denn sie übertrifft alle Begriffe.

Joseph II. über das im Bayrischen Erbfolgekrieg gewonnene Innviertel an seine Mutter Maria Theresia

Joseph II. war ab 1765 für das Militär zuständig, konnte aber seine Soldaten zunächst gar nicht einsetzen: Maria Theresia hatte nach ihren wenig ruhmreichen Kriegen nämlich genug davon. Kurz vor ihrem Tod sah Joseph jedoch seine Chance: Er löste zwar keinen Flächenbrand aus wie seine Mutter im Siebenjährigen Krieg, wollte sich aber Bayern einverleiben und geriet dadurch in Konflikt mit Friedrich II. von Preußen.

Thronfolgen stellten regelmäßig kritische Momente für die Erben dar, weil oft trotz ihrer ererbten oder verbrieften Rechte andere Mächte Ansprüche stellten. Die Habsburger hatten das 1740 erleben müssen – 1777 drehten sie den Spieß um, als es um die Erbfolge in Bayern ging: Die bayrischen Kurfürsten Maximilian III. Joseph und Karl Theodor von der Pfalz hatten aus habsburgischer Sicht keine legitimen Nachfolger – Joseph II. sah eine neuerliche Kompensationschance für den Verlust Schlesiens und stellte Ansprüche auf Niederbayern und die Oberpfalz. Staatskanzler Kaunitz zwang im Jänner 1778 auf Weisung Josephs den bayrischen Gesandten in Wien, die österreichischen Forderungen zu akzeptieren: Bayern sollte gegen die Österreichischen Niederlande getauscht werden. Daraufhin besetzten österreichische Truppen Teile Bayerns. Friedrich II. gefiel diese Aktion gar nicht; er erklärte Joseph den Krieg und marschierte in Böhmen ein.

Joseph II. übernahm persönlich den Oberbefehl. Es kam jedoch zu keinen Schlachten, ‚nur‘ zu einem Defensivkrieg. Nachschubprobleme, Geldmangel und Seuchen – die Ruhr forderte zahlreiche Opfer auf beiden Seiten – führten dazu, dass der Bayrische Erbfolgekrieg nie ein ‚richtiger‘ Krieg wurde. Hauptsächlich wurde um Lebensmittel gestritten: Die Österreicher nannten den Krieg deshalb „Zwetschkenrummel“, die Preußen „Kartoffelkrieg“. Diese Bezeichnungen verharmlosen jedoch das Elend der Bevölkerung in den betroffenen Gebieten und die Kriegsopfer: Österreich verlor fünf Generäle, 175 Offiziere, 19.257 Mann, 2.838 Pferde und sechs Geschütze; Preußen einen General, 87 Offiziere, 19.416 Mann, 3.835 Pferde und fünf Geschütze.

Im Mai 1779 schloss Maria Theresia hinterrücks Frieden mit Preußen: Ohne Josephs Wissen verzichtete sie auf das bayrische Erbe und bekam dafür als bescheidenen Gewinn das Innviertel. Für Joseph stellte die Bevormundung durch seine Mutter eine Kränkung dar. Unmittelbar nach ihrem Tod versuchte er noch einen Tausch Bayerns gegen Belgien, scheiterte aber neuerlich am preußischen Widerstand.

Stephan Gruber