1649–1791

Des Kaisers neue Kleider – Der Bruch Josephs II. mit den Traditionen

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Nach der Blüte höfischer Repräsentation des Rokoko unter Maria Theresia setzte Joseph II. ganz im Sinne des utilitaristischen Denkens der Aufklärung gleich im ersten Jahr seiner Mitregentschaft ein spektakuläres Zeichen: Das Spanische Mantelkleid, der Inbegriff zeremonieller Tradition am habsburgischen Kaiserhof, wurde abgeschafft.

Dieses Mantelkleid entstand aus der spanischen Hoftracht des 16. Jahrhunderts und bestand im Wesentlichen aus einem reich bestickten Umhang samt Federhut und Pumphosen. Am habsburgischen Kaiserhof in seinen archaischen Formen unverändert erhalten, war es das einzig zugelassene Gewand für öffentliche Funktionen bei Hofe. Als Joseph 1766 die Abschaffung dieses Symbols der quasireligiösen Erhöhung der kaiserlichen Majestät befahl, läuteten bei den konservativen HüterInnen habsburgischer Traditionen die Alarmglocken. Man sah in der Zulassung der militärischen Uniform – die Vorbildwirkung des von Joseph bewunderten preußischen Königs Friedrich II. ist hier nicht zu übersehen – einen gefährlichen Bruch mit der exklusiven Symbolsprache des Wiener Kaiserhofes.

Nach dem Tod Maria Theresias 1780 hatte Joseph als Alleinregent nun freie Hand: es kam zu weiteren schweren Einschnitten in der Hofhaltung. Joseph setzte durch den Verzicht auf den Ausbau der höfischen Repräsentationsbauten zugunsten öffentlicher Nutzbauten ein Zeichen für die neuen Zeiten, die nun angebrochen waren. In Schönbrunn, dem Lieblingsprojekt seiner Mutter, die bis zuletzt großzügige Neugestaltungen in Schloss und Garten vornahm, wurden nur mehr die notwendigsten Instandhaltungsarbeiten genehmigt.

In der Wiener Hofburg, die weiterhin als Residenz verwendet wurde, bewohnte Joseph eine Raumflucht im Leopoldinischen Trakt, die heutigen Arbeitsräume des Bundespräsidenten. Im darunter liegenden Mezzaningeschoss verläuft der sogenannte Kontrollorgang, wo der Kaiser seine legendären, für jedermann zugänglichen Audienzen abhielt und durch diese ‚Sprechstunden beim Kaiser‘ seine Volksnähe demonstrierte.

Die persönliche Aversion des Kaisers gegenüber höfischer Repräsentation im privaten Bereich ist deutlich am „Josephsstöckl“ im Augarten abzulesen. Dieser kaum als Schloss, sondern eher als Gartenvilla zu bezeichnende Bau aus den Jahren 1780–83 zeigt die Ansprüche Josephs II. bezüglich Wohnkomfort: Ein schmuckloser und asymmetrischer Bau, in dem die lichtdurchfluteten Wohnräume nach Gesichtspunkten der praktischen Bewohnbarkeit und Anbindung an die umgebende Parklandschaft angeordnet sind.

Martin Mutschlechner