1649–1791

Eine Frage der Ehre – die Botschafteraudienz

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Das Parkett der hohen Diplomatie galt damals wie heute als besonders glatt. Ein überaus heikler Moment war die Antrittsaudienz eines neu akkreditierten Botschafters. Hier war Fingerspitzengefühl gefragt, galt es doch dem Gesandten als Vertreter eines souveränen Staates die angemessene Ehre zu erweisen und dabei die Würde der kaiserlichen Majestät zu wahren.

Das Hofzeremoniell sah für diesen staatstragenden Akt eine genau geregelte Abfolge von gegenseitigen Ehrerweisungen vor. Traditioneller Schauplatz war die ranghöchste Raumfolge der Hofburg, das Zeremonialappartement im Leopoldinischen Trakt, das mit seiner prunkvollen Ausstattung die angemessene Bühne bot.

Der Botschafter wurde von einem kaiserlichen Kämmerer im sechsspännigen Hofgalawagen von seiner Residenz abgeholt. Als Zeichen der besonderen Ehrerbietung durfte der Wagen bis in den innersten Hof der Burg, in den Schweizerhof, vorfahren. Über die Botschafterstiege, die von diesem Zeremoniell bis heute den Namen trägt, wurde der hohe Gast durch ein Ehrenspalier der kaiserlichen Garden in den ersten Saal, die sogenannte Trabantenstube, geleitet. Zwei kaiserliche Kammerdiener führten den Botschafter nun in die Erste Antecamera, wo der Oberstzeremonienmeister wartete. Dieser führte den Botschafter nun durch weitere, in ihrer Wertigkeit sich steigernde Räume direkt in die Geheime Ratstube. Hier nun schritt der Oberstkämmerer, der traditionellerweise den Zutritt in den Privatbereich des Monarchen kontrollierte, dem Gast genau bis zur Mitte des Raumes entgegen. Nach der ehrenvollen Begrüßung ging der Oberstkämmerer, um die Ankunft des Gesandten zu melden, zunächst allein in den folgenden ranghöchsten Raum, ins Audienzzimmer, wo der Kaiser wartete.

Ein kaiserlicher Kammerdiener öffnete nun auf ein Zeichen hin beide Flügel der Türe, und der Botschafter trat mit einer dreimaligen Verbeugung vor den Kaiser. Nun folgte der zentrale Moment der Audienz: die Übergabe des Beglaubigungsschreibens an den Kaiser. Ob der Kaiser persönlich oder nur der Oberstkämmerer das Schriftstück entgegennahm, war ein vielsagender Ausdruck des Vertrauens gegenüber dem Staat, den der Botschafter vertrat.

Danach wurde dem Kaiser das Botschaftspersonal vorgestellt. Der Botschafter ging rückwärts schreitend (da es streng verboten war, dem Kaiser den Rücken zu zeigen) zur Türe, klopfte, worauf sich – man beachte den feinen Unterschied – nur ein Türflügel öffnete, durch den nun die Botschaftsangehörigen eingelassen wurden.

Die Audienz endete mit einer dreifachen tiefen Verbeugung der Gesandtschaft vor dem Kaiser. Nun verließ der Botschafter samt Gefolge das Audienzzimmer in umgekehrter Reihenfolge der Ankunft und wurde wiederum von denselben Würdenträgern von Saal zu Saal zurück zu seiner Kutsche geleitet.

Martin Mutschlechner