1649–1791

Die Hofehrendienste – Dabei sein ist alles!

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Die Wiener Hofgesellschaft war eine geschlossene Gruppe, die streng darüber wachte, wer sich zu ihr zählen durfte. Der Aufstieg in den Hierarchien folgte bestimmten Mustern. Adelige, die bei Hofe Karriere machen wollten, hatten durch ihre hohe Geburt schon einmal die erste Hürde genommen, hatten sozusagen bereits den Fuß in der Tür. Aber auch bei Hofe galt: aller Anfang ist schwer …

Am Beginn einer höfischen Karriere standen die niederen Hofehrendienste, die keinen täglichen Dienst an der Person des Kaisers vorsahen, deshalb nicht besonders einflussreich waren, aber eine Art prinzipielle Zugehörigkeit zur Hofgesellschaft darstellten. Diese manifestierte sich durch die Erlaubnis, an bestimmten religiösen oder staatspolitischen Ereignissen im Umfeld des Kaisers teilzunehmen. Hierzu gehörte zum Beispiel der Tafeldienst, wenn der Kaiser eine öffentliche Tafel abhielt.

Der nächste Schritt bestand in der Erlangung der Würde eines kaiserlichen Kämmerers. Ausschließlich Mitgliedern des Hochadels vorbehalten, war dies das wichtigste Ehrenamt am Wiener Hof und das wirkungsvollste Instrument zur Bindung des Adels an den Hof. Der Titel eines Kämmerers war das Symbol der Zugehörigkeit zur aristokratischen Elite der Monarchie, der sogenannten „Ersten Gesellschaft“. Mit der Verleihung des Kämmerertitels war die Hoffähigkeit, also die grundlegende Voraussetzung für den Zutritt bei Hof, verbunden.

Die wichtigste Aufgabe der Kämmerer war es, das Cortège, d. h. das persönliche Gefolge des Herrschers bei öffentlichen Auftritten zu bilden, denn im feudalen Verständnis von Macht brauchte ein großer Herr ein großes Gefolge. Kämmerer wurden als adeliges Ehrengeleit auch zum Dienst im Gefolge der Kaiserin oder bedeutender Gäste zugeteilt. In der Regel war jedoch keine ständige Anwesenheit erforderlich, obwohl die Möglichkeit bestand, tatsächlich zur Ausübung ihres Amtes berufen zu werden. Mindestens sechs Kämmerer mussten gleichzeitig bei Hofe anwesend sein, um im Turnus den Dienst zu versehen.

Die Kämmerer trugen als Zeichen ihrer Stellung einen Schlüssel, der die Zutrittsberechtigung in die Gemächer des Kaisers symbolisierte. Um die Würde des Hofes zu wahren, wurden von den Kämmerern ein dem adeligen Ehrenkodex entsprechendes moralisch tadelloses Verhalten sowie der Nachweis eines standesgemäßen Vermögens abverlangt. Wer den Anforderungen des Hofes nicht entsprach, dem konnte die Kämmererwürde auch entzogen werden. Besonders Kaiser Franz Joseph, der seine streng konservative Auffassung von aristokratischer Ehre auch von seinem adeligen Hofstaat erwartete, nützte zuweilen dieses Disziplinierungsinstrument, um das Ansehen des Hofes nach Außen zu wahren.

Martin Mutschlechner