… und wie hat sich sein Volk eingerichtet?

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Das Wohnzimmer bildete im Biedermeierhaushalt nicht nur das Zentrum des Familienlebens, sondern auch ein Mittel der Distinktion und Repräsentation.

Worauf man sitzt, liegt, das ist nicht zum Sitzen, Liegen, Stehen, sondern zum Sehen, daß es nämlich der Nachbar, der aus seiner Höhle in die unsere herüber auf Besuch kömmt, sehe und sich daran ärgere […], der Nachbar soll sich nämlich ärgern, daß es bei ihm nicht so schön ist. Wie man, um ein schnödes Stipendium zu bekommen, ein Armutszeugnis braucht […], so müssen die Geräte Reichtumszeugnisse sein, wenn auch kein Reichtum da ist; darum sind die Fächer und Kästen weit kostbarer als das, was drin ist […]. Teppiche, Damaste, Kaffeetücher, Kästen, Tische, Sessel, Sofas – alle die Dinge sind selber wieder Streichsmacher; denn sie sind inwendig von eitel weichem Holze, jeder Tisch hat Fichtenfüße, nur hat er eine nußbaumerne oder Mahagoni-Hose an […] – dies nur heißen sie schöne Geräte […] und streuen den Besuchern den Sand in die Augen, in weiß Gott welch vornehmes und auserlesenes Haus sie gekommen. Daß dies der Zweck der Geräte ist, nicht etwa, wie ein Einfältiger glaubten möchte, der Gebrauch, erhellt daraus, daß man gerade in den besseren Fächern der Wohnhöhle nicht wohnt, daß man, kaum die Besuche fort sind, den Dingen über den hölzernen Überzug noch einen leinernen gibt […].

Adalbert Stifter beschrieb das bürgerliche Repräsentationsbedürfnis 1844 in seinem Essay „Die Streichmacher“.

Der tapezierer […] hatte seinen vorteil bald erkannt […]. Auf seinem firmenschilde löschte er das wort ,Polsterer‘ aus und schrieb dafür ,Dekorateur‘. Das klang.

Adolf Loos rückblickend über die Aufwertung des Tapeziererberufs.

In einer Zeit rascher technischer Veränderungen, gesellschaftlicher Umwälzungen und vehementer staatlicher Repressionen – jede für die Öffentlichkeit bestimmte Äußerung unterlag der Zensur – wandten sich die BürgerInnen unverfänglichen Vergnügungen zu. Man zog sich in die eigenen vier Wände zurück und richtete sich gemütlich ein. Die lichten Räume waren mit gestreiften und geblümten Tapeten, Vorhängen und Möbelbezügen ausgestattet.

Ähnlich der Funktionstrennung in herrschaftlichen Appartements wurden die Wohnbereiche in Küche, Schlaf-, Wohn- und Esszimmer unterteilt. Wo dies aus Platzmangel nicht möglich war, arrangierte man Wohninseln, denen jeweils spezielle Funktionen zugeordnet wurden und die entsprechend möbliert waren. Neue Möbeltypen entstanden, Sekretäre, Kästen, Tische und Sitzgruppen wurden reduziert und mehr auf Funktionalität denn Ornamentalität ausgerichtet, aber dennoch mit kostbaren Intarsien und Furnieren ausgeführt. Wohnzeitschriften verbreiteten den neuen Geschmack.

Die Ära des Biedermeier bedeutete eine Zeit des Aufschwungs für Handwerk und Industrie – etwa der Seidenindustrie oder des Tischler- und Tapeziererhandwerks. An der Gestaltung eines Wohnraums waren unterschiedliche Handwerks- und Gewerbezweige beteiligt: Anstreicher, Hafner, Tischler, Parkettenfabrikanten sowie Bronzearbeiter. Der Tapezierer übernahm nun die Rolle des Dekorateurs.

Die Natur fand Eingang in das traute Heim: Blumenkästen und -töpfe wurden vor die Fenster gestellt, Vogelkäfige und Paravents zierten die Räume, in Vitrinen wurden mit Blumen geschmückte Porzellantassen, bemalte Glasbecher, Dosen und Silbergerät präsentiert. Auch Kaiser Franz II./I. gärtnerte.

Doch nicht nur innerhalb des Hauses wurde der Natur gehuldigt: Franz II./I. setzte einen Trend, als er Baden zu seiner Sommerresidenz erkor. Hofstaat und Hocharistokratie folgten auf dem Fuß. Das besser gestellte Bürgertum tat es ihnen gleich und drängte in die Kurstadt oder zog zur „Sommerfrische“ in eigene Anwesen. Andere wieder machten eine „Landpartie“ auf den Kahlenberg oder entflohen der Großstadt auf die 1842 durch die Südbahn erschlossenen „Wiener Hausberge“ Rax, Semmering und Schneeberg.

Julia Teresa Friehs