Sie lebt! Die Genesung Maria Theresias von den Pocken

Anton Widemann: Medaille auf die Genesung Maria Theresias, 1767 (Avers)

Anton Widemann: Medaille auf die Genesung Maria Theresias, 1767 (Revers)

Im Mai 1767 erschütterte eine Nachricht die habsburgischen Herrschaftsgebiete: Kaiserin Maria Theresia war an den Pocken, auch Blattern genannt, erkrankt. Nach knapp einer Woche konnte Entwarnung gegeben werden, Maria Theresia befand sich auf dem Weg der Besserung.

Anton Widemann: Medaille auf die Genesung Maria Theresias, 1767 (Avers)

Anton Widemann: Medaille auf die Genesung Maria Theresias, 1767 (Revers)

Die hochansteckende Seuche der Pocken forderte im Haus Habsburg wiederholt Opfer. Gerade in den 1760er Jahren war die kaiserliche Familie besonders stark betroffen: Innerhalb weniger Jahre verstarben Erzherzog Karl Joseph und Erzherzogin Johanna Gabriela, Joseph II. verlor seine beiden Ehefrauen Isabella von Parma und Maria Josepha. Bei der Pflege ihrer Schwiegertochter Maria Josepha infizierte sich auch Maria Theresia. Umgehend ordnete Joseph II. an, in den Kirchen des gesamten Herrschaftsgebietes Bittgebete für eine baldige Genesung seiner Mutter abzuhalten. Wider Erwarten besserte sich ihr Gesundheitszustand nach rund einer Woche, und die noch andauernden Bittgebete wurden von Dankgebeten abgelöst.

Alleine in Wien sind zwischen 14. Juni und 22. Juli 1767 mindestens 30 Feiern in den verschiedenen Kirchen in und vor der Stadt verzeichnet. Das Wienerische Diarium, der Vorgänger der Wiener Zeitung, berichtete ausführlich über diese Feierlichkeiten und bemerkte, dass von den obersten Hofstäben, Kollegien, Gemeinden und Gesellschaften bei den Feierlichkeiten „mit Besetzung der Musik, Ausschmückung und Beleuchtung der Kirchen gleichsam miteinander um den Vorzug gestritten“ werde. Denn dieses positive Ereignis bot für die veranstaltenden Institutionen und Gemeinschaften eine ideale Möglichkeit zur Profilierung, und um der Herrscherin zu huldigen.

Gleichzeitig erschienen rund 40 gedruckte Predigten, Gedichte und Reden, die die Genesung Maria Theresias literarisch würdigten und die herausragenden Tugenden der Herrscherin lobten. Gerade die zahlreichen Gebete, das Flehen und die Tränen der Untertanen während der Erkrankung hätten laut den Autoren zur Besserung des Gesundheitszustandes geführt. Dass die bereits totgeglaubte Herrscherin doch überlebte, beschrieben mehrere Gedichte mit dem wiederkehrenden Motiv „Sie lebt“ oder „Therese lebt“.

Die im gesamten Herrschaftsgebiet abgehaltenen Bitt- und Dankgottesdienste sowie die Predigten, Reden und Gedichte ließen die Bevölkerung direkt am Geschehen teilhaben. Sie stärkten die emotionale Bindung der Untertanen zur Herrscherin und propagierten öffentlich das hohe Ansehen Maria Theresias. Der Höhepunkt der Feierlichkeiten fand schließlich am 22. Juli im Wiener Stephansdom statt: Joseph II. hatte Maria Theresia davon überzeugen können, dass sie selbst an diesem Fest teilnahm und erstmals seit dem Tod ihres Ehemanns Franz Stephan (1765) wieder öffentlich auftrat.

Stefanie Linsboth