Cholera als heilsamer Selektionsprozess?

Druckversion

Eine Cholera-Epidemie erfasste Wien 1831/32. Hohe Sterberaten veranlassten zu Mutmaßungen und Maßnahmen.

Neben der Pocken-Seuche forderte die Cholera im 18. Jahrhundert unzählige Menschenopfer. Brechdurchfall, Austrocknung des Körpers und Verwirrtheit waren die todbringenden Folgen der Seuche. Cholera wird von Bakterien verursacht und vor allem durch verseuchtes Wasser übertragen. Besonders in Ländern, in denen die Minimalerfordernisse an Hygiene nicht erfüllt werden können, tritt sie heute noch immer wieder auf. Eine europaweite Cholera-Epidemie erfasste Wien in den Jahren 1831 und 1832. Panik und Verzweiflung machten sich breit, ungeachtet der Grenzen und sanitären Kordons, Stationen, die den Durchzugsverkehr regelten und alle Durchreisenden zu einer Verweildauer von 14 Tagen verpflichteten, um etwaige Epidemien zu verhindern. ZeitgenossInnen sprachen von der ‚Strafe Gottes‘ und besprenkelten vielfach ihre Häuser mit Weihwasser, um die Seuche fernzuhalten. Während Mediziner und Sozialökonomen die Epidemie als ‚naturgegeben‘ annahmen, wurde im Sinne der Bevölkerungspolitik von einer natürlichen Auslese gesprochen. Als „Polizei der Natur“ würde sie die überschüssige Bevölkerung dezimieren und nur die Starken kämen durch. Diese pessimistische Diagnose ist auf den englischen Ökonomen Thomas Robert Malthus zurückzuführen, der angesichts der anwachsenden Bevölkerung einen Nahrungsengpass prognostizierte.

Im Jahr 1831 bis Juni 1832 lag die Sterberate der an Cholera Erkrankten in Wien bei 64 Prozent. Gesellen und DienstbotInnen waren genauso betroffen wie Adelige und Kleriker. Wirksame Schutzmaßnahmen waren bis zu diesem Zeitpunkt unbekannt. So wurden aber verstärkt Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen: Siechenhäuser wurden ausgebaut, Vorschriften zur Beseitigung der von der Krankheit befallenen Leichen wurden erlassen und Circulare mit Sicherheitsvorkehrungen verschickt. Instruktionen wiesen darauf hin, die Exkremente und Blut nicht vor die Türen zu kippen. Doch setzten sich diese Vorschriften und Vorschläge nur bedingt durch, zumal städtebauliche Einrichtungen für die Entsorgung fehlten. Vor allem die ärmeren sozialen Schichten waren davon in besonderem Ausmaß betroffen. Im Sommer 1832 schlug die Epidemie erneut zu. Adelige zählten allerdings nun kaum noch zu den Opfern. Mit dem Bau von Hochquellwasserleitungen in Wien Ende des 19. Jahrhunderts wurde eine moderne und hygienische Wasserversorgung garantiert. Dadurch konnten nach und nach Cholera-Epidemien im europäischen Raum gebannt werden. Die Sterberaten sanken nach diesen Modernisierungsmaßnahmen drastisch.

Anita Winkler