1858–1889

Das Scheitern des Kronprinzen

Druckversion

Nicht nur im öffentlichen Leben verhinderte es Rudolfs problematische Position, sein Leben gemäß seinen Idealen zu gestalten. Auch innerhalb der Familie blieb er unverstanden und fand in seiner persönlichen Umgebung kaum Rückhalt.

 

Rudolf an seinen früheren Erzieher und väterlichen Freund Graf Latour:

„Ich sehe die schiefe Ebene, auf der wir abwärtsgleiten, stehe den Dingen sehr nahe, kann aber keiner Weise etwas thun, darf nicht einmal laut reden, das sagen, was ich fühle und glaube.“ 

Rudolf versuchte zeitlebens, Anerkennung durch den Vater zu erwerben, wurde aber von diesem systematisch aus den Entscheidungsfindungsprozessen ausgeschlossen. Rudolf traf hier bei Franz Joseph auf großes Unverständnis, der von seinem Sohn Gehorsam und perfektes „Funktionieren“ erwartete und nicht fähig war, Rudolf das Gefühl der Wertschätzung zu vermitteln. Franz Joseph ignorierte die von seinem Sohn vorgelegten Lösungsvorschläge für die politischen und sozialen Probleme der Monarchie völlig und schloss ihn von jeglichem Einfluss aus.

Auch zur Mutter hatte Rudolf ein sehr ambivalentes Verhältnis. Obwohl Rudolfs Persönlichkeit einen starken Erbteil der Mutter aufweist, und beide in vielen Fragen ähnlich liberale Ansichten vertraten, blieb zwischen ihnen stets eine gewisse Distanz bestehen.

Hinzu kamen die Probleme in seinem Eheleben mit Stephanie von Belgien, die ihm aus politischen Gründen aufgedrängt wurde. Bezeichnenderweise reiste Rudolf in Begleitung einer seiner Geliebten nach Brüssel zur Brautwerbung, was dort für einen handfesten Skandal sorgte. Die arrangierte Ehe schien zunächst dennoch von Harmonie geprägt zu sein. Später entwickelten die beiden jedoch sehr konträre Lebensstile: Stephanie galt als den Traditionen des Wiener Hofes sehr verbunden und legte großen Wert auf die Vorrechte ihres Standes. Rudolf hingegen begann mehr und mehr die Konventionen zu verachten, flüchtete in zahllose Liebschaften und unterhielt auch Beziehungen zu Prostituierten. Er entwickelte eine Vorliebe für die Vergnügungen der „einfachen Leute“ und liebte die ungezwungene Atmosphäre von Wiener Vorstadtlokalen, die er häufig mehr oder weniger inkognito besuchte. Besonderen Gefallen fand er an Schrammelmusik und Heurigen.

1883 wurde das einzige Kind aus dieser Ehe geboren: Die Tochter wurde zu Ehren der Großmutter Elisabeth getauft. Die in der Familie „Erzsi“ gerufene Prinzessin war ihrem Vater sehr ähnlich und machte später durch ihren ebenso unkonventionellen Lebensstil von sich reden. Weitere Kinder waren nicht zu erwarten, da Rudolf seine Gattin mit einer venerischen Krankheit angesteckt hatte, die diese unfruchtbar machte – was das Verhältnis der Eheleute weiter verschlechterte. Die unglückliche Ehe wurde zu einem menschlichen Desaster für beide Seiten.

Frustriert von seiner isolierten Position in Familie und bei Hof flüchtete Rudolf in Alkohol und Drogen. Er litt an Depressionen, und sein gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich rapide aufgrund seines Lebensstiles und den Folgen einer Geschlechtskrankheit (wahrscheinlich Gonorrhöe). Der 31-jährige sah zuletzt den einzigen Ausweg im Selbstmord. Nachdem er bereits seit längerem mit dem Gedanken gespielt hatte, fand er in seiner 17-jährigen Geliebten Baronesse Mary Vetsera eine Gefährtin, die bereit war, mit ihm in den Tod zu gehen. Am 30. Januar 1889 setzte er seinem Leben durch die Schüsse von Mayerling ein Ende. Die Vorgänge sind bis heute nicht restlos aufgeklärt – der Grund dafür liegt vor allem auch im Versuch des Wiener Hofes, die wahren Umstände der Tat zu verschleiern. Unter der Mehrzahl der Historiker, die sich mit dem Thema beschäftigt haben, gilt heute als wahrscheinlich, dass Rudolf zuerst seine Gefährtin (mit ihrem Einverständnis) erschossen hatte, bevor er sich selbst richtete. Die Tragödie von Mayerling beendete das Leben eines der widersprüchlichsten Charaktere der Dynastie und galt für viele als der Anfang vom Ende des Hauses Habsburg. 

Martin Mutschlechner