Rudolf – Lehrjahre eines Kronprinzen

Ludwig Angerer: Die Allerhöchste Kaiserfamilie, Fotografie, 1859

Rudolf wurde von frühester Kindheit an systematisch als Thronfolger aufgebaut. Er erwies sich als sensibles Kind, in dessen Entwicklung die komplizierten Verhältnisse und Spannungen innerhalb der kaiserlichen Familie Spuren hinterließen.

Ludwig Angerer: Die Allerhöchste Kaiserfamilie, Fotografie, 1859

Rudolf war der ersehnte Sohn und Thronfolger und wurde als drittes Kind aus der Ehe zwischen Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth am 21. August 1858 in Schloss Laxenburg südlich von Wien geboren.

Vom Vater wurde Rudolf auf soldatische Tugenden wie Disziplin, Gehorsam und Abhärtung gedrillt, was der kränklichen Konstitution und empfindlichen Seele des Kindes schlecht bekam. Bereits am Tag nach der Geburt wurde der Säugling vom stolzen Vater zum Inhaber eines Infanterieregiments ernannt, mit zwei Jahren trug Rudolf erstmals Uniform. Die Leitung der Erziehung des Buben wurde demgemäß einem hochrangigen Armeeoffizier, Generalmajor Leopold Graf Gondrecourt, übertragen. Dessen Erziehungsmaßnahmen grenzten an Sadismus: um das schreckhafte und in den Augen des Vaters zu empfindsame Kind abzuhärten, wurde Rudolf stundenlangen Exerzierübungen bei jedem Wetter unterworfen oder mitten in der Nacht mit Schüssen geweckt, was den nervlichen und körperlichen Zustand des Kindes an die Grenze des Zusammenbruchs trieb.

Verstärkt wurde die frühkindliche Isolation des sensiblen Prinzen durch die Schwierigkeiten beim Aufbau einer Beziehung zur Mutter, da Elisabeth in den ersten Lebensjahren ihres Sohnes meistens vom Hof abwesend war. Sie hatte selbst größte Schwierigkeiten, ihre persönlichen Bedürfnisse gegen die Regeln des Wiener Hofes durchzusetzen.

Bei ihrer Rückkehr an den Hof fand die Mutter den Sohn als ein von den Erziehungsmethoden gezeichnetes Kind vor, als ein nervlich und körperlich zerrüttetes Wrack. In diesem entscheidenden Moment zeigte Elisabeth ihre Willenskraft und stellte ihrem Gatten 1865 ein Ultimatum: Entweder sie erhalte die volle Entscheidungsfreiheit bei der Erziehung ihrer Kinder oder sie verlasse den Hof für immer.

Franz Joseph gab den Forderungen seiner Gattin nach, und so wurde das Erziehungsprogramm des Kronprinzen völlig umgestellt. Der neue Erzieher Joseph Graf Latour von Thurmburg war eine betont liberal eingestellte Persönlichkeit. Es gelang ihm bald, eine auf Vertrauen beruhende Beziehung zu dem verschreckten Kind aufzubauen, und er blieb bis zum Abschluss der Ausbildung 1877 die prägende Gestalt für den intelligenten und wissbegierigen Jungen. Deren Hauptaugenmerk lag nun weniger auf dem militärischen Aspekt, sondern auf Wissenschaft und Allgemeinbildung, die damals in der Hocharistokratie als bürgerliche Pedanterie und Schulfuchserei galten. Der Kronprinz erhielt eine Ausbildung auf der Höhe der Zeit, die Rudolf zu einem liberal denkenden, offenen Geist machte. Der Umgang mit Intellektuellen und Wissenschaftlern entfremdet ihn von den Idealen der aristokratischen Gesellschaft. Ein Universitätsstudium wurde ihm jedoch – sehr zu seinem Leidwesen – vom Vater als unstandesgemäß verwehrt. 

Martin Mutschlechner