1858–1889

Eine unglückliche Verbindung: Rudolf und Stephanie

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Die Ehe zwischen Kronprinz Rudolf und Stephanie, die dem belgischen Königshaus entstammte, war eine typisch dynastische Verbindung, die aus Gründen der Staatsräson geschlossen wurde und nicht aufgrund persönlicher Sympathie.

 

Aus dem Abschiedsbrief Rudolfs an seine Gemahlin:

„Liebe Stephanie! Du bist von meiner Gegenwart und Plage befreit; werde glücklich auf Deine Art. Sei gut für die arme Kleine, die das einzige ist, was von mir übrig bleibt.“ 

zitiert nach: Hamann, Brigitte: Rudolf. Kronprinz und Rebell, München 2004 (10. Ungekürzte Taschenbuchauflage), S. 458.

Stephanies Vater, König Leopold II. von Belgien, war ein Spross des deutschen Adelsgeschlechtes Sachsen-Coburg-Gotha, das im 19. Jahrhundert durch geschickte Heiratspolitik zu bedeutendem Einfluss kam. Es war Stephanies Großvater, Leopold I., der 1831 den belgischen Thron angeboten bekam und die Dynastie begründete.

Der Brautvater Leopold II. galt als einer der reichsten Männer seiner Zeit – Franz Joseph bezeichnete den unternehmerisch erfolgreichen belgischen König abwertend als „Kaufmann“. In seine Regentschaftszeit fielen auch die umstrittenen Bestrebungen Belgiens, in Afrika zur Kolonialmacht aufzusteigen. Die unter grausamen Umständen erfolgte „Landnahme“ Belgiens im Gebiet des zentralafrikanischen Kongo war bereits unter den Zeitgenossen höchst umstritten.

Leopold II. heiratete 1853 Erzherzogin Maria Henriette, Tochter von Erzherzog Josef Anton, dem Begründer der ungarischen Linie der Habsburger. Stephanie war also mütterlicherseits eine halbe Habsburgerin.

Die Hochzeit mit Kronprinz Rudolf fand 1881 statt, Stephanie, am 21. Mai 1864 geboren, war damals erst 17 Jahre alt und noch recht kindlich. Die junge Kronprinzessin war sehr groß gewachsen und galt als nicht sehr hübsch, ihre Persönlichkeit wird als nicht besonders anziehend geschildert. Sie hatte Probleme, in der Familie ihres Gatten Aufnahme zu finden – bekannt ist die Ablehnung, die sie von ihrer Schwiegermutter Elisabeth zu spüren bekam, die sie einmal abwertend als „hässliches Trampeltier“ bezeichnete.

Dennoch war die Ehe in den Anfangsjahren durchaus harmonisch. 1883 kam die Tochter Elisabeth („Erzsi“) zur Welt, die das einzige Kind aus dieser Verbindung bleiben sollte, da sich das Ehepaar in den folgenden Jahren auseinanderlebte: Rudolf wurde mit seinen liberalen Ansichten und seinem unkonventionellen (zuweilen auch rücksichtslosen) Lebensstil am Wiener Kaiserhof zum Außenseiter und fand mit Stephanie, die eine sehr konservative und dünkelhafte Einstellung hatte, immer weniger Gemeinsamkeiten. Als Rudolf seine Gattin mit einer Geschlechtskrankheit ansteckte, die er sich bei seinen zahlreichen außerehelichen Eskapaden geholt hatte, und in Folge unfruchtbar machte, war die Beziehung auf einen Tiefpunkt angelangt, sodass eine Trennung nicht mehr ausgeschlossen wurde.

Der Selbstmord Rudolfs 1889 in Mayerling beendete nicht nur eine unglückliche Ehe, sondern erschütterte auch Stephanies Stellung am Wiener Hof. Denn die Kronprinzessin wurde indirekt für die Verzweiflungstat verantwortlich gemacht, da sie ihrem Gatten nicht die nötige Geborgenheit gegeben hätte. Isoliert in der Familie und von der Hofgesellschaft abgelehnt, mied sie den Hof und unternahm zahlreiche Reisen. Stephanies schwieriger Charakter führte auch zu Problemen mit ihrer belgischen Herkunftsfamilie, mit der sie wegen Vermögensfragen etliche Prozesse durchfocht.

Im Jahre 1900 ging die Witwe schließlich eine zweite Ehe mit dem ungarischen Aristokraten Graf Elemér Lónyay de Nagylónya (1863–1946) ein. Stephanie trat aus dem Erzhaus aus und verzichtete auf die damit verbundenen Privilegien. Die Vormundschaft für ihre Tochter Elisabeth übernahm Kaiser Franz Joseph.

1935 sorgte sie mit der Veröffentlichung ihrer skandalträchtigen Memoiren für Aufsehen, was sogar zu einem Gerichtsprozess mit ihrer Tochter führte. 

Stephanie starb 1945 in der Benediktinerabtei von Pannonhalma in Westungarn, wo sie vor dem Einmarsch der Roten Armee Zuflucht gefunden hatte und wo sie auch begraben liegt.

Martin Mutschlechner