1595–1740

Reformeifer im Barock: Joseph I.

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Kaiser Joseph I. ist wegen seiner kurzen Regentschaft relativ unbekannt. Er bemühte sich um Reformen im Sinne der Aufklärung, starb aber früh.

Joseph I. wurde schon mit 9 Jahren König von Ungarn und mit 10 Jahren König von Böhmen. Mit knapp 12 Jahren wurde er zum römisch-deutschen König gewählt. Im Gegensatz zum Großteil seiner Verwandten spielte der Katholizismus für ihn eine geringere Rolle: Eine Erziehung durch die strengen Jesuiten blieb ihm erspart, stattdessen genoss er eine tolerantere Ausbildung – deren Leiter war ein ehemaliger Protestant. So konnte sich Joseph zum Anhänger der Frühaufklärung entwickeln. Seine Leidenschaft galt der Jagd und Musik – und Affären, denen er neben seiner Ehe mit Amalie Wilhelmine von Braunschweig-Lüneburg eifrig nachging. Dabei zog er sich Geschlechtskrankheiten – wahrscheinlich Syphilis – zu, mit denen er seine Gattin ansteckte. Sie wurde deswegen unfruchtbar, was politisch höchst bedeutsam werden sollte: Der Kaiser hinterließ keinen Thronfolger.

Joseph war für seine Zeit ein innovativer Herrscher. Er scharte reformfreudige Berater um sich: Der „junge Hof“ in Wien arbeitete ehrgeizige Erneuerungspläne aus. Er reduzierte die große Zahl an Geheimen Räten und versuchte, die Bürokratie effizienter zu gestalten. Die Zentralstellen sollten modernisiert werden, und die chronisch angespannte Finanzlage konnte sich einigermaßen stabilisieren. Auch im Heiligen Römischen Reich versuchte sich Joseph eine starke Position zu verschaffen – als Mittel zum Zweck, die Großmachtstellung Österreichs zu stärken. Dabei riskierte er sogar einen militärischen Konflikt mit dem Papst um das Herzogtum Mantua: Joseph wollte Reichsrechte in Italien geltend machen und Gebiete für die Habsburger gewinnen.

In Ungarn erbte Joseph den Kuruzzenaufstand von seinem Vater Leopold I.: In Siebenbürgen hatten sich wieder einmal Adelige gegen die Herrschaft der Habsburger erhoben und drangen zeitweilig bis nach Wien vor. Joseph ging zwar notgedrungen militärisch dagegen vor, verzichtete jedoch anders als seine Vorgänger auf exemplarische Hinrichtungen der Anführer. Er stimmte einem kompromissbereiten Friedensschluss zu, der auf lange Sicht die Integration Ungarns in das Habsburgerreich ermöglichte.

Die Reformbemühungen Josephs I. fanden jedoch nach seinem Tod keine Fortsetzung. Er starb erst 32-jährig an den Pocken, was die Situation im Spanischen Erbfolgekrieg völlig veränderte: Joseph hinterließ keinen männlichen Erben, daher folgte ihm sein Bruder Karl nach. Dieser war jedoch bereits König in Spanien …

Stephan Gruber