1595–1740

Leopold I., genannt "Türkenpoldl"

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In der langen Regierungszeit Leopolds I. gelang der Ausbau der absolutistischen Herrschaft. Kriege gegen Frankreich und das Osmanische Reich bestimmten diese Periode.

Leopold I. war eigentlich für ein geistliches Amt vorgesehen. Da aber sein Bruder Ferdinand IV. überraschend starb, rückte er in der Erbfolge vor, übernahm die Herrschaft in den Erblanden und wurde 1658 trotz einiger Widerstände zum römisch-deutschen Kaiser gewählt. Seine religiöse Ausbildung prägte ihn, er war sehr fromm und befürwortete die Gegenreformation.

In den Erblanden konnten die Habsburger nach dem Dreißigjährigen Krieg ihre absolutistische Herrschaft festigen. Die Bürokratie wurde ausgebaut, mit der Schaffung einer stehenden Armee waren 50.000 Soldaten ständig einsetzbar. Das bedeutete freilich nicht, dass Leopolds Herrschaft immer unwidersprochen blieb: Es gab einige Aufstände und Konflikte, etwa eine „Verschwörung“ ungarischer Adeliger in den 1660er Jahren, deren Anführer hingerichtet wurden.

Die habsburgische Herrschaft war eng mit der katholischen Kirche und der Gegenreformation verbunden. Kunst und Lebensstil des Barock waren davon geprägt: Die Bevölkerung sollte mit prächtigen Gottesdiensten, Prozessionen, Wallfahrten und Prunkbauten sowie Propagandaschriften gegen Protestanten, Türken und Franzosen beeinflusst werden – die Untertanen sollten fromm sein und den Willen ihres Kaisers befolgen. Die barocke Bautätigkeit hat prägende Spuren hinterlassen, etwa die Pestsäule am Wiener Graben, die Leopold I. nach dem Ende der Pestepidemie von 1679 errichten ließ. Zum hochbarocken Lebensstil am kaiserlichen Hof gehörten verschwenderische Feste ebenso wie persönliche Kunstsinnigkeit: Leopold war ein eifriger Komponist, er verfasste über 200 Musikstücke.

Außenpolitisch war Leopolds lange Herrschaft, die fast ein halbes Jahrhundert dauerte, von Feindschaften mit Franzosen und Türken geprägt. Ein Krieg folgte dem nächsten. Im Westen wollte der französische „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. eine Vormachtstellung erreichen. Im Osten versuchte das Osmanische Reich einen neuen Großangriff, nach der Zweiten Türkenbelagerung Wiens 1683 gingen jedoch die Habsburger in die Offensive. Wegen der zentralen Rolle der Türkenkriege erhielt Kaiser Leopold den Beinamen „Türkenpoldl“. Während der Belagerung Wiens war er jedoch aus der Stadt geflüchtet, wie auch schon zuvor während der Pestepidemie. Wenige Jahre vor seinem Tod 1705 wurde für Leopold I. auch noch die Erbfolgesituation in Spanien zum drängenden Problem – den Ausgang des Spanischen Erbfolgekriegs erlebte er aber nicht mehr.

Stephan Gruber