Karl I.: Der Friedenskaiser?

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Wie schnell aus 'harmlosen' Kriegsspielen schrecklicher Ernst werden kann, zeigte sich im Falle Kaiser Karls. Der letzte habsburgische Regent der Donaumonarchie konnte aber auf den Verlauf des Ersten Weltkrieges nur mehr wenig Einfluss nehmen.

Der alte Kaiser Franz Joseph, sein Nachfolger Karl und der junge Erzherzog Otto vergnügen sich mit Spielzeugsoldaten: Was eine Lithografie als harmlose Familienidylle präsentiert, sollte sich in ganz anderer Form für unzählige Menschen im Ersten Weltkrieg als reale Kriegserfahrung darstellen. Als Franz Joseph im November 1916 starb, folgte ihm inmitten des Ersten Weltkriegs sein Großneffe Karl als Kaiser von Österreich nach. Er sollte der letzte habsburgische Herrscher in Österreich sein. Im Weltkrieg spielte der politisch völlig unerfahrene Karl keine Hauptrolle mehr, sein Spielraum etwa in der Nationalitätenfrage war gering. Seine diplomatischen Vermittlungsversuche scheiterten, berühmt wurde die so genannte Sixtus-Affäre: Zwei Brüder seiner Frau Zita, Sixtus und Xavier von Bourbon-Parma, vermittelten österreichisch-französische Geheimverhandlungen. In einem Brief an Sixtus verpflichtete sich Karl zur Unterstützung der französischen Gebietsforderungen auf Elsass-Lothringen, die geheimen Bemühungen scheiterten allerdings. Peinlich wurde diese “Affäre”, als im Frühjahr 1918 der Sixtusbrief durch Frankreich veröffentlicht wurde und Karl diese Verhandlungsbemühungen heftig dementierte. In der Folge unterwarf sich Österreich endgültig der Kriegspolitik des deutschen Kaisers Wilhelm II.

In einer Rede zugunsten des k. k. Österreichischen Militär-Witwen- und Waisenfonds sprach Karl 1916 noch davon, dass die Monarchie im Weltkrieg “einem großen Ziele” entgegengehe. Die Schrecken des Krieges, die Soldaten und Zivilbevölkerung erleiden müssen, werden von Karl in dieser Rede heruntergespielt, sie werden glorifiziert und als Dienst an einer großen Sache dargestellt. Karl I. wird zwar in der historischen Bewertung der gute Wille zu Friedensverhandlungen zugestanden, jedoch erwies er sich als Regent völlig überfordert. Dass er zuweilen den Beinamen “Friedenskaiser” erhält, beschönigt die Tatsache, dass unzählige Menschen in seinem Namen sterben mussten.

Zu spät kam im Oktober 1918 Karls Versuch, durch ein “Völkermanifest” eine Art Bundesstaat mit autonomen nationalen Einheiten zu schaffen und so die Monarchie zu retten. Am 11. November 1918 verzichtete Karl auf seine Regierungsgeschäfte, ohne aber formal abzudanken. Er wurde 1919 ins Exil geschickt, unternahm jedoch 1921 noch zwei Restaurationsversuche in Ungarn – hier zeigte sich, dass die jahrhundertealten Herrschaftsansprüche der Habsburgerdynastie nicht mit dem Untergang der Monarchie aufgegeben wurden. Karls Sinnspruch als Kaiser war “Indivisibiliter ac inseparabiliter” (“Unteilbar und untrennbar”), also die Devise der Pragmatischen Sanktion. Dieser Sinnspruch erwies sich angesichts des Zerfalls seines Reiches als besonders grotesk.

Stephan Gruber