Das Problem der Thronfolge

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Dass Karl, ein Großneffe Franz Josephs, Kaiser wurde, ist mehreren dramatischen Schicksalswendungen zu verdanken. Bei der Geburt Karls 1887 konnte noch niemand ahnen, dass er einst die Kaiserwürde übernehmen sollte, denn damals war der einzige Sohn Franz Josephs, Kronprinz Rudolf, der logische Thronfolger.

Rudolf war seit 1881 mit Stephanie von Belgien verheiratet, eine dynastische Verbindung, die trotz positiver Anfänge bald angesichts der charakterlichen Unterschiede zu einer wenig glücklichen Ehe werden sollte. 1883 kam eine Tochter, Elisabeth, genannt „Erzsi“ zur Welt. Nachdem Rudolf seine Gattin mit einer venerischen Krankheit angesteckt hatte, konnten keine weiteren Kinder erwartet werden.

Nach Rudolfs Tod in der bis heute nicht eindeutig geklärten Tragödie von Mayerling 1889 ging die Thronfolge auf den nächsten männlichen Verwandten Franz Josephs über. Gemäß den habsburgischen Hausgesetzen durften Töchter nur in dem extremen Fall, dass kein einziger männlicher Vertreter des Hauses mehr am Leben sei, das Erbe übernehmen.

An sich wäre nun Erzherzog Karl Ludwig (geboren 1833), der jüngere Bruder des Kaisers, an der Reihe gewesen. Dieser wurde aber niemals offiziell zum Thronfolger ernannt – er war selbst nur drei Jahre jünger als Franz Joseph und nicht wirklich eine Option: Karl Ludwig wurde zwar häufig als Vertreter seines Bruders bei offiziellen Anlässen eingesetzt (was ihm den Spitznamen „Ausstellungs-Erzherzog“ einbrachte), galt aber ansonsten als wenig geeignet für dieses Amt. Der selbst für habsburgische Maßstäbe extrem reaktionäre und antiliberale Kaiserbruder starb bereits 1896 an den Folgen einer Infektion, die er sich während einer Pilgerreise ins Heilige Land zuzog, als er Wasser aus dem Jordan trank.

Die Thronfolge ging nun an Karl Ludwigs ältesten Sohn, Erzherzog Franz Ferdinand (geboren 1863), über. Zunächst schien es, als würde auch dieser Kandidat ausscheiden müssen, denn die Gesundheit des Erzherzogs war durch ein Lungenleiden stark angeschlagen. Am Wiener Hof sahen die zahlreichen Gegner des ob seines schwierigen Charakters nicht sehr beliebten Franz Ferdinand bereits dessen jüngeren Bruder Erzherzog Otto (geboren 1865), der der nächste in der Reihe gewesen wäre, als aussichtsreicheren Tipp. Otto, der „schöne Erzherzog“, galt jedoch aufgrund seines skandalumwitterten Lebenswandels als schwarzes Schaf in der Familie und starb 1906 an der Syphilis.

Franz Ferdinand, inzwischen von seiner Krankheit genesen, wurde 1898 offiziell zum Thronfolger erklärt. Das Verhältnis Kaiser Franz Josephs zu seinem Neffen war von politischen Kontroversen und persönlicher Abneigung überschattet.

Franz Joseph hatte Franz Ferdinand niemals verziehen, dass sich der Thronfolger nicht von seinem Entschluss abbringen ließ, Gräfin Sophie Chotek zu heiraten, die gemäß den habsburgischen Hausgesetzen eine nicht standesgemäße Partie darstellte. Für den alten Kaiser kam dies einer Pflichtverletzung gleich: Seiner Meinung nach hatte die Verpflichtung, eine standesgemäße Eheverbindung zum Zwecke der Weiterführung der Dynastie einzugehen, absoluten Vorrang vor individuellem Liebesglück. Franz Ferdinand jedoch setzte die Verbindung gegen alle Widerstände durch.  Sophie – obwohl inzwischen zur Herzogin von Hohenberg erhoben – wurde vom Hof geschnitten, was den Thronfolger tief verletzte. Der Erzherzog musste noch am Tag der Hochzeit im Namen der noch ungeborenen zukünftigen Kinder auf die Zugehörigkeit zur kaiserlichen Familie und die damit verbundenen Privilegien verzichten. Die Nachkommenschaft aus dieser Ehe lebt unter dem Namen „Hohenberg“ bis heute fort.

Das Attentat von Sarajewo brachte eine unerwartete Wende. Typisch für die  gottergebene und zugleich dynastische Sichtweise des alten Kaisers ist die Reaktion Franz Josephs, der darin nicht nur einen Anschlag auf die Ehre seines Hauses, sondern auch den Willen einer höheren Macht sah, die die geordnete Erbfolge wieder herstellen sollte.

Da die Kinder Franz Ferdinands von der Thronfolge ausgeschlossen waren, ging das Los auf den ältesten Sohn des mittlerweile verstorbenen Erzherzogs Otto, Karl (1887–1922),  über. Dieser Großneffe Franz Josephs hatte sich bereits 1911 mit Zita von Bourbon-Parma (1892–1989) vermählt – eine dynastisch einwandfreie Verbindung, die die Fortsetzung der Dynastie sichern sollte: 1912 entsprang dieser Ehe der „letzte Kronprinz“ Otto (gest. 2011), der die Familie in die Zeit ohne Thron führen sollte.

Martin Mutschlechner