Plötzlich Kronprinz! Karl als Nachfolger von Kaiser Franz Joseph

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Am 27. Juni 1914 begab sich Kaiser Franz Joseph wie jedes Jahr auf Sommersejour nach Ischl. Kaum angekommen, erreichte ihn am nächsten Tag ein Telegramm mit der Nachricht von der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajewo.

Der Kaiser kehrte sofort nach Schönbrunn zurück, und am Penzinger Bahnhof wurde der alte Monarch von Erzherzog Karl abgeholt – es war dies ein deutliches Zeichen an die Öffentlichkeit: das Reich hatte einen neuen Thronfolger.

Karl war jedoch kaum auf diese Funktion vorbereitet, als er in Folge des Attentates in der Thronfolge aufrückte. Man hatte angenommen, Franz Ferdinand würde die Regentschaft etliche Jahrzehnte innehaben. Karl schlug die für männliche Mitglieder der Dynastie typische militärische Laufbahn ein. Franz Joseph war der Meinung, dass Karl sich erst langsam durch die militärischen Ränge hochdienen sollte, um als zukünftiger Kaiser die Strukturen der Armee, in der er die wichtigste Stütze habsburgischer Herrschaft sah, von der Pieke auf kennenzulernen.

Das persönliche Verhältnis Franz Josephs zu Karl war deutlich besser als zu Franz Ferdinand. Karl stellte die Autorität seines um 57 Jahre älteren Großonkels nicht in Frage und sah wie viele Menschen in der Monarchie in Franz Joseph eine Symbolfigur, die über jede Kritik erhaben war. Karl kam dank seines konzilianten – böse Zungen meinen: unbedarften – Wesens auch gut mit dem schwierigen Charakter seines Onkels Franz Ferdinand zu Recht. Dieser bezog seinen präsumtiven Nachfolger Karl kaum in seine politischen Entscheidungen ein und ließ Karl deutlich spüren, dass dessen Zeit noch nicht gekommen war …

Als Karl 1914 unerwartet früh in der Thronfolge aufrückte, wurde er überstürzt als Nachfolger aufgebaut. Angesichts des hohen Alters Franz Josephs musste man jederzeit mit dessen Ableben rechnen. Ab Sommer 1915 war Karl fast ständig an der Seite Franz Josephs anzutreffen, denn man wollte eilig nachholen, was man bisher versäumt hatte. So wurde Karl erst im allerletzten Augenblick in die engsten Entscheidungsfindungen involviert und war daher nicht ausreichend vorbereitet, als es mit dem alten Kaiser zu Ende ging.

Bezeichnenderweise wurde bei Ausbruch des Krieges nicht Karl, sondern Erzherzog Friedrich aus der Teschener Linie der Habsburger zum Oberbefehlshaber ernannt. Obwohl wie die meisten männlichen Habsburger im Militärdienst erzogen, gelangte Friedrich nur dank seiner hohen Geburt und nicht dank seiner Eignung auf die Position des Oberbefehlshabers. Der Erzherzog, genannt „Bumsti“, war ein Offizier für Friedenszeiten, für Paraden und Manöver, jedoch nicht für den Ernstfall. Deshalb war Franz Conrad von Hötzendorf, der Chef des Generalstabs, das eigentliche militärische Mastermind.

Der junge Thronfolger Karl war für die alteingesessenen Hofkreise ein unbeschriebenes Blatt und auch für die politischen Eliten Europas schwer einzuschätzen. In der Krisenzeit des Ersten Weltkrieges sollte sich dies als großes Problem herausstellen. Kronprinz Rudolf und später Erzherzog Franz Ferdinand standen als Thronfolger länger in Warteposition. Ihre politischen Positionen waren dadurch bekannt, was bei Karl nicht der Fall war.

In Karl kam am erstarrten Wiener Hof eine neue Generation zum Zug, die einen anderen Zugang zu den habsburgischen Traditionen hatte. Die Unterschiede zeigten sich im Umgang Karls mit seiner Umgebung: Franz Joseph agierte stets sehr distanziert, um die Würde der Majestät zu bewahren. Er legte einen deutlichen Abstand zwischen seine Person und den Rest der Menschheit. Der alte Kaiser wurde nie persönlich, fragte nie um Rat. Er hörte die Meinung verschiedener Berater und gab dann seine unumstößliche Entscheidung bekannt. Karl dagegen agierte persönlicher, menschlicher und pflegte einen kollegialen Stil, was oft als Schwäche ausgelegt wurde. Man war ein solches Verhalten am habsburgischen Hof nicht gewohnt. Außerdem galt der junge Monarch als leicht beeinflussbar und stand stark unter dem Einfluss seiner Gattin Zita und eines Zirkels von Vertrauten und Freunden, der sich um ihn zu bilden begann. Dagegen ignorierte er häufig die Meinung offizieller Berater und Experten.

Stellvertretend für die Zweifel an der Eignung Karls als Regent der Donaumonarchie sei hier Ernest von Koerber zitiert, der während des Thronwechsels kurzfristig als K.u.K. Ministerpräsident fungierte. Im Oktober 1916 von Franz Joseph kurz vor seinem Tod auf den Posten berufen, demissionierte Koerber wegen massiver Meinungsverschiedenheiten mit dem neuen Kaiser Karl bereits im Dezember desselben Jahres. Koerber beurteilte die schwierige Situation vollkommen illusionslos, als er meinte: „Der alte Kaiser war 60 Jahre lang bemüht, die Monarchie zugrunde zu richten und hat es nicht geschafft; der junge wird das in zwei Jahren fertigbringen.“

Er sollte Recht behalten …

Martin Mutschlechner