Verlage ohne Bücher – Heimarbeit und Verlagswesen

Spinnstube und Geräte zum Spinnen und Spulen, Kupferstich, 1773

Männer machten den Haushalt, Frauen arbeiteten im Verlag und verdienten mit Spinnen das Geld für die Familie. Das passt so gar nicht in unsere Vorstellungen von 'klassischer' Rollenverteilung.

Es hat der Graf von Schallenberg den alleinigen Weg, mit dem Fabricatio auf einen guten Preis zu kommen, eingeschlagen, da er sowohl zu der Harras- als Bändelfabricateur lediglich das Bauernvolk und Kinder gebrauchet, so sich mit einer geringen Nahrung begnügt, folglich dem Händler und Kaufmann die auf den Arbeitslohn machende Ersparung zugute kommen kann.

Bericht eines vom Hof entsandten Fabriks-Inspektors über den Manufakturbesitzer Graf von Schallenberg und seine Preispolitik

Spinnstube und Geräte zum Spinnen und Spulen, Kupferstich, 1773

Das Arbeiten von zu Hause aus ist keine Erfindung des späten 20. Jahrhunderts. Seit dem 16. Jahrhundert bildete sich in Europa das sogenannte Verlagssystem heraus, das allerdings nichts mit Büchern zu tun hatte. Besonders in der Textilherstellung spielte es eine große Rolle.

In der Regel besorgte ein sogenannter Verleger oder Faktor die Rohmaterialien wie beispielsweise Baumwolle. Die aus der ländlichen Bevölkerung stammenden HeimarbeiterInnen verspannen die Baumwolle zu Garn und verwebten dieses schließlich. Den Verkauf der fertigen Waren übernahm wiederum der Kaufmann. Es gab viele Möglichkeiten, wie ein solches Verlagssystem funktionierte: Beispielsweise konnte der Kaufmann bzw. Verleger die Materialien liefern und bezahlte für die Waren Stückpreise. Manchmal besorgten sich die ProduzentInnen die Ausgangsmaterialen selbst, stellten die Waren her und verkauften sie dann dem Händler. Auch Zwischenverleger konnten sich als Rohstoffverteiler einschalten und die fertigen Waren übernehmen.

Ein wesentliches Merkmal des Verlagssystems war, dass die Waren nicht an einem Ort hergestellt wurden. Die Verlagsproduktion bot der ländlichen Bevölkerung eine (Zu)Verdienstmöglichkeit und den Manufakturbesitzern ersparten sie hohe Lohnkosten.

Im niederösterreichischen Waldviertel beispielsweise waren bis zu 30.000 Menschen im Verlag tätig. Der Großteil der ländlichen TextilarbeiterInnen waren Frauen, die das arbeitsintensive Spinnen übernahmen. Da Verleger und Manufakturen auf zahlreiche Arbeitskräfte angewiesen waren, wurden Haushaltsgründungen von sogenannten KleinhäuslerInnen staatlicherseits vereinfacht. Solche KleinhäuslerInnen verfügten über kein oder nur wenig Land und waren auf ein Einkommen außerhalb der Landwirtschaft angewiesen.

Christina Linsboth