Schönbrunn in der Zwischenkriegszeit – Schloss ohne Kaiser

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"Kaiser Karl und Kaiserin Zita haben heute Abend das Schloß Schönbrunn verlassen (…). Die Abreise der kaiserlichen Familie vollzog sich ruhig und vom Publikum fast unbemerkt."

Einen Tag nach seinem Rückzug aus den Staatsgeschäften meldete die Wiener Zeitung vom 12. November 1918 die Abreise des Kaisers aus Schönbrunn. Und was geschah am 13. November? Ein Ticketschalter und Souvenirshops wurden eingerichtet und die Touristen strömten herbei? Ganz so war es nicht, wenn das Schloss auch schon sehr bald Anziehungspunkt für Gäste aus aller Welt war. Bis aber aus Schönbrunn eine Touristenattraktion in seiner heutigen Art wurde, erlebte das Gebäude eine wechselhafte Geschichte.

Wie alle kaiserlichen Schlösser ging auch Schönbrunn nach dem Ende der Monarchie in Staatsbesitz über. Die Zugänge wurden zunächst versiegelt und eine Kommission mit der Bestandsaufnahme des Inventars betraut. Es residierte jedoch nicht nur die kaiserliche Familie in Schönbrunn, in den weiten Anlagen des Schlosses lebten etliche Bedienstete mit ihren Familien, die ihr Wohnrecht behielten.

Es gab zahlreiche Pläne für eine künftige Nutzung des Schlosses, denen die alteingesessenen Bewohner jedoch sehr skeptisch gegenüberstanden. Unter anderem wurden zunächst Kriegsinvalide im Schloss einquartiert. Im Sommer 1919 begründete – ebenfalls nicht zur Freude der Anrainer – die sozialdemokratische Organisation der Kinderfreunde in einem Teil der Nebengebäude des Schlosses ein Kinderheim sowie eine Erzieherschule, die sich jedoch wegen organisatorischer Probleme nur wenige Jahre halten konnten: Das ehemalige Kaiserschloss war nämlich schlecht zu heizen, und die Ausstattung mit Sanitäranlagen ließ zu wünschen übrig. Frühmorgens musste man mit der Beheizung der Räume beginnen, damit man es zum Unterricht einigermaßen warm hatte. Zum Baden wurden Zinkwannen aufgestellt.

Die Verwendung von Teilen des Schlosses als Schule, für Kinder und Invalide betraf natürlich nicht die ehemaligen kaiserlichen Appartements, die für eine museale Nutzung bestimmt waren. Bereits im Jahre 1919 ist die Möglichkeit der Besichtigung nachgewiesen. Interessanterweise waren in den 1920er Jahren die Eintrittspreise für Ausländer (dazu zählten auch die Einwohner ehemaliger Kronländer) doppelt so hoch wie für Inländer – und Reichsdeutsche. Bereits Ende der 1920er Jahre ließen sich jeden Monat an die 20.000 Gäste durch die Räume führen. Und wie ist es mit den ersten Souveniranbietern? Auch die ließen nicht lange auf sich warten: An einer bestimmten Stelle in den Schauräumen stand ein Fotograf, der von den Besuchergruppen Fotos machte, deren Reproduktionen man sich gegen entsprechende Gebühr zusenden lassen konnte.

Sonja Schmöckel