1741–1814

Maria Theresia: Kaiserin und Landesmutter

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Die Regierungszeit Maria Theresias gilt als Glanzzeit der Habsburgermonarchie. Viele Bilder, die wir heute von der Kaiserin haben, beruhen aber auf Klischeevorstellungen.

Aufgrund der Pragmatischen Sanktion konnte 1740 Maria Theresia, die 23-jährige Tochter Karls VI., das schwere Erbe ihres Vaters antreten, wie es von mitfühlenden HistorikerInnen dargestellt wurde: „Die menschliche und die politische Größe Maria Theresias (…) ist allgemein anerkannt“, meinte etwa der Historiker Friedrich Walter im Vorwort einer Quellenedition – und das bei all den „gewaltigen Ereignissen“ der Zeit, die angeblich „ihr Leben so schwer belasteten“.

Da nicht alle europäischen Mächte Maria Theresias Erbfolge als legitim anerkennen wollten, kam es zum Österreichischen Erbfolgekrieg. Die Habsburger mussten nun erstmals seit dem 15. Jahrhundert die Kaiserwürde im Heiligen Römischen Reich abgeben, wenn auch nur für wenige Jahre: 1742 wurde der Wittelsbacher Karl Albert als Karl VII. zum römisch-deutschen Kaiser gewählt. Nach seinem baldigen Tod 1745 ging die Würde aber wieder auf die Habsburger über – oder besser gesagt auf die neue Familie Habsburg-Lothringen, nämlich auf Maria Theresias Ehemann Franz I. Stephan. Wenn Maria Theresia als Kaiserin bezeichnet wird, so bezieht sich dieser Titel formal nur auf ihre Rolle als Gattin, da sie als Frau nicht die römisch-deutsche Kaiserwürde bekleiden durfte.

Inmitten der europäischen Mächtepolitik gilt Maria Theresia als junge Heldin, umgeben von Feinden, allen voran dem Preußenkönig Friedrich II. Die Herrscherin erhielt den Nimbus einer beschützenden Mutterfigur: Schon 1762 titulierte ihr Berater Joseph von Sonnenfels sie als „Mutter der Völker“, und dieses Bild einer aufgeklärten, menschenfreundlichen Fürstin hat bis heute Bestand. Beurteilungen in diesem Stil vermischen sich mit einer Reihe von Geschlechterklischees: Besonders in Schulbüchern wurde Maria Theresia als einzige weibliche habsburgische Herrscherin zur leuchtenden Verkörperung klischeehafter Eigenschaften stilisiert – Schönheit, Jugend und Hilflosigkeit sind die Hauptzutaten dieser Charakterisierung. Ein großer Teil dieses Bildes beruht auf vereinfachenden Vorstellungen von den Eigenschaften und Aufgaben einer Frau – Maria Theresia eignet(e) sich offensichtlich wunderbar als Projektionsfläche.

Stephan Gruber