1741–1814

Der reformwillige Kurzzeitkaiser: Leopold II.

Druckversion

Unter den "großen" HerrscherInnen des 18. Jahrhunderts hat es Kaiser Leopold II., der sein Amt nur zwei Jahre lang ausüben konnte, nicht leicht sich zu behaupten.

Ich habe eine Schwester, die Königin von Frankreich, aber das Heilige Reich hat keine Schwester und Österreich hat keine Schwester. Ich darf einzig handeln, wie das Wohl der Völker gebietet, und nicht nach Familieninteressen.

Kaiser Leopold II. nach seinem Regierungsantritt über die Situation in Frankreich

Ich glaube, daß der Souverän, selbst ein erblicher, nur der Deligierte und Beauftragte des Volkes sei, für welches er da ist, daß er diesem alle seine Sorge und Arbeit widmen soll; ich glaube, daß jedes Land ein Grundgesetz oder einen Vertrag zwischen Volk und Souverän haben soll, welches die Macht des letzteren beschränkt.

Leopold II. über seine politischen Grundsätze in einem Schreiben an seine Schwester Marie Christine

Leopold II. steht im Schatten seines Bruders: Er folgte Joseph II. nach dessen Tod 1790 auf den Kaiserthron nach, überlebte ihn aber nur um zwei Jahre. Ähnlich wie bei Joseph I., der zu Beginn des 18. Jahrhunderts sechs Jahre lang Kaiser war, führte seine kurze Regierungszeit zu seiner geringen Beachtung in der Geschichtsschreibung.

Ganz unterschiedlich ist seine Bekanntheit in Europa, die aus seinen unterschiedlichen Herrscherrollen resultiert: Als Pietro Leopoldo war er von 1765 bis 1790 Großherzog der Toskana. Er war dort der Nachfolger seines Vaters Franz I. In dieser Funktion erhielt er von seinen Zeitgenossen Lobeshymnen: Als „Philosoph auf dem Thron“ wurde er etwa gerühmt. Manchen HistorikerInnen, die ihn als „ersten konstitutionell gesinnten Herrscher“ der europäischen Geschichte betrachten, gilt er sogar als demokratisches Vorbild. International – vor allem in Italien – finden seine Verfassungsprojekte in der Toskana große Beachtung, in verschiedenen Städten erhielt er Denkmäler. In Österreich ist er dagegen kaum bekannt.

Als Großfürst der Toskana war Leopold noch einigermaßen offen gegenüber der Französischen Revolution eingestellt. Nach seinem Herrschaftsantritt als römisch-deutscher Kaiser musste er aber seine Haltung ändern. In Wien herrschte zu dieser Zeit eine starke anti-französische Stimmung: Ausländer wurden hier überwacht und zum Teil abgeschoben. 1791 forderte Leopold daher mit einem Rundschreiben die europäischen Höfe auf, der französischen Monarchie Hilfe zu leisten – nicht zuletzt war ja seine Schwester Marie Antoinette die Gattin des französischen Königs Ludwig XVI.

Leopold unterschied sich in seiner Auffassung der dynastischen Aufgaben deutlich von den meisten seiner Familienmitglieder. Er wird manchmal sogar als „einziger konstitutionell denkender Habsburger“ bezeichnet. Solche Denkansätze haben zumindest einen seiner Söhne, Erzherzog Johann, beeinflusst.

Stephan Gruber