1741–1814

Die "große Reformerin" Maria Theresia

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Viele große Reformen soll Maria Theresia vollbracht haben. Aber waren diese Maßnahmen wirklich so liebevoll und gemeinnützig?

Maria Theresias aufgeklärter Absolutismus genießt heute fast uneingeschränkte Sympathie. Dem Bild einer liebevollen, dem Allgemeinwohl verpflichteten Landesmutter ist aber entgegenzuhalten, dass ihr Denken und Wirken sehr konservativ und keineswegs fortschrittlich war: Sie fühlte sich wie ihre Vorgänger und Nachfolger von Gottes Gnaden eingesetzt, empfand die Schriften der Aufklärer als „ekelhaft“ und brachte immer wieder antijüdische und antiprotestantische Ressentiments zum Ausdruck – mit handfesten Folgen wie der Aussiedlung von ProtestantInnen. Ihre frommen Lebensvorstellungen versuchte sie ihren Mitmenschen zum Beispiel mithilfe einer Keuschheitskommission zur Bekämpfung von Prostitution aufzuzwingen.

Maria Theresias Reformen hatten bleibende Wirkung: Die Rechts- und Verwaltungsreformen gelten als modern, weil sie die Grundlage eines obrigkeitlichen Verwaltungsstaates schufen. Eigenverantwortung und demokratisches Denken wurden in diesem Überwachungsstaat frühzeitig erstickt. Die Reformen in Kirche, Justiz und vor allem im Bildungswesen gehören heute in positiver Beurteilung zur allgemeinen Schulbildung – fast alle österreichischen Kinder lernen und wissen, dass Maria Theresia die „Schulpflicht“ eingeführt hat. Genau genommen handelt es sich dabei bis heute um eine „Unterrichtspflicht“, die nicht unbedingt in einer Schule erfüllt werden muss.

Diese Reformen waren keineswegs dafür ausgelegt, mündige Staatsbürger heranzuziehen: In der Schule sollten die Zöglinge auf ihre Untertänigkeit gegenüber Gott und den HerrscherInnen vorbereitet werden. Auch die Aufhebung der Folter 1776 ist nicht als Folge der humanitären Gesinnung Maria Theresias zu werten, sondern geschah trotz ihrer Bedenken: Nur wenige Jahre zuvor war noch die „Constitutio Criminalis Theresiana“ erschienen, ein Strafgesetzbuch, das auf der so genannten „peinlichen Befragung“ der Angeklagten – also der Folter als angebrachtem Mittel der Wahrheitsfindung – beruht hatte.

Maria Theresias Leben und Wirken als Herrscherin wird zumeist völlig positiv beurteilt. Ihre intoleranten Einstellungen und Maßnahmen werden dagegen als zeitbedingt abgetan. Eine solche Darstellung übersieht, dass hinter ihrer Fürsorge machtpolitische und wirtschaftliche Interessen standen. „Groß“ gemacht wurde Maria Theresia durch verherrlichende Propaganda, die sie als Heldin weiter bestehen lässt – das monumentale Denkmal in Wien ist das Paradebeispiel dafür.

Stephan Gruber