1741–1814

Herrschaft von Mutter und Sohn: Joseph II. und Maria Theresia

Druckversion

Ein ambitionierter Sohn als Kaiser – was will eine Mutter mehr? Doch die Reformen und Erfolge ihres Sohnes Joseph machten Maria Theresia nicht besonders glücklich.

Da mein Sohn als ein uns so lieb und importantes Pfand mit großer Zärtlichkeit und Liebe von der Wiege an gepflegt worden, ist sicher, daß seinem Willen und Verlangen in vielen Stücken zu viel nachgegeben worden, und insbesondere seine Bediente ihn sowohl durch unterschiedliche Schmeicheleien, als auch einige unzeitige Vorstellungen seiner Hoheit verleitet, sich gern gehorsamen und ehren zu sehen, hingegen die Widersetzung unangenehm und fast unerträglich zu finden, sich nichts zu versagen, gegen Andere aber leicht, ohne Gefälligkeit und rüde zu handeln.

Maria Theresia, Instruktion für den Ajo Josephs II., Feldmarschall Karl Graf Batthyány, 1751

Als Joseph II. 1741 geboren wurde, war der Jubel über den Sohn und Thronfolger groß: Ein Triumphbogen wurde errichtet, allegorische Darstellungen angefertigt – und der Papst schickte sogar geweihte Windeln nach Wien. Joseph war sich seiner Bedeutung als zukünftiger Herrscher schnell bewusst. Er entwickelte einen Hang zur Selbstüberschätzung: Maria Theresia bemerkte bei ihrem Sohn im Alter von zehn Jahren “einige unzeitige Vorstellungen seiner Hoheit”. Bei Josephs Erziehung wurde auf die Tugenden eines künftigen Kaisers Wert gelegt: Gehorsam, Disziplin und Frömmigkeit.

Nach dem Tod von Franz I. kam 1765 sein Sohn Joseph an die Macht: Er wurde zum römisch-deutschen Kaiser Joseph II. gekrönt und fungierte in den habsburgischen Erbländern als Mitregent seiner Mutter Maria Theresia. Maria Theresia blieb aber bis zu ihrem Tod 1780 die dominante Übermutter.

Josephs zeitgenössisches ist wie sein historisches Image umstritten: Seine zahlreichen Reformen und die eher unsanften Methoden zu deren Durchsetzung schadeten seinem öffentlichen Ansehen. Familienintern kam es häufig zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Joseph und seiner Mutter, die seine Umwälzungen als überstürzt und fehlgeleitet empfand. Ständige Streitigkeiten waren die Folge – am Wiener Hof sollen sogar eine Maria-Theresia- und eine Joseph-Fraktion entstanden sein. Josephs Nachfolger Leopold II. beschrieb seinen Bruder als harten, krankhaft ehrgeizigen Zeitgenossen, der “keinen Widerspruch duldete” und voll “willkürlicher, gewalttätiger Grundsätze” gewesen sei.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich unter einigen Bevölkerungsgruppen geradezu ein Joseph-Kult: Vor allem Republikaner, Liberale, Intellektuelle und die Bauernschaft verehrten ihn als Reformkaiser und Vorbild für ihre eigenen Anliegen. Joseph wurde zum Volkskaiser stilisiert. Wie sein Vorbild Friedrich II. war Joseph von den Ideen der Aufklärung beeinflusst. Revolutionär oder demokratisch war er aber sicherlich nicht. Seine Reformen standen im Dienst einer aggressiven und expansionistischen Politik.

Stephan Gruber