Vom Ordensbruder zum Seelsorger

Hieronymus Löschenkohl: Zusammenkunft Josephs II. mit Papst Pius VI., Kupferstich, 18. Jahrhundert

Neue Berufsfelder für entlassene Ordensbrüder taten sich in den Pfarren auf. Mit der Seelsorge betraut, entsprachen die Aufgaben der Pfarrer ganz dem Nützlichkeitsideal Josephs II.

Hieronymus Löschenkohl: Zusammenkunft Josephs II. mit Papst Pius VI., Kupferstich, 18. Jahrhundert

Arbeitslos gewordene Ordensbrüder waren das Resultat des „Josephinischen Klostersturms“. Joseph II., der in vielen Klöstern und Ordensgemeinschaften weder gesellschaftlichen noch wirtschaftlichen Nutzen sah, leitete 1782 Klosteraufhebungen ein. Bis 1787 wurden etwa 700 Klöster aufgelassen. Vorwiegend betroffen waren Orden, die keine Volksnähe aufwiesen, also weder Schulen noch Kranke betreuten. Hierzu zählten etwa die Kartäuser, Eremiten, Karmeliter, Karmeliterinnen, Kapuziner und Kapuzinerinnen. Das Vermögen aus diesen Aufhebungen wurde in die Errichtung von Pfarren sowie die Ausbildung und Besoldung von Priestern investiert. Anstelle der Klöster wurden neue Pfarren und Seelsorgestationen eingerichtet, deren Hauptanliegen die Seelsorge sein sollte. Neben dem Gottesdienst zählte zu ihren Aufgaben, Arme, Kranke und Findelkinder zu betreuen. Die josephinischen Reformen verlagerten die geistliche Tätigkeit auf seelsorgerische Aufgaben. Seelsorger sollten als staatlich kontrollierte Instanz im direkten Kontakt mit der breiten Masse stehen. Solcherart ließ sich die Infrastruktur der Pfarren mitunter dazu nützen, das Armenwesen zu reorganisieren sowie herrschaftliche Anordnungen von der Kanzel herab zu verkünden. Die verbliebenen Klöster waren nun den Bischöfen und nicht mehr wie bisher direkt dem Papst unterstellt. Um dies zu verhindern, reiste sogar der Pontifex Maximus Pius VI. nach Wien, konnte aber Joseph II. nicht von seinem Vorhaben abbringen.

Josephs Maßnahmen gingen bis in Details des religiösen Lebens. So wurden kirchliche Feiertage reduziert, das Wetterläuten verboten, eine bestimmte Anzahl von Kerzen für den Gottesdienst vorgeschrieben und die Zahl er Wallfahrten in jeder Pfarre auf zwei pro Jahr beschränkt. Viele dieser Vorschriften griffen auch in den Lebensrhythmus der gläubigen Bevölkerung ein und riefen heftigen Widerstand hervor. Kurz vor seinem Tod musste Joseph II. einige seiner Neuerungen zurücknehmen und beispielsweise die alte Gottesdienstordnung wieder in Kraft setzen.

Anita Winkler