Vermehrt euch! Das habsburgische Humankapital

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Die gegenwärtige chinesische Staatsführung ist mit Gesetzen und Vorschriften bemüht, die Bevölkerungszahl möglichst niedrig zu halten; die Habsburger bezweckten vor 300 Jahren genau das Gegenteil.

Im 17. und 18. Jahrhundert waren viele Wirtschaftstheoretiker und mit ihnen die HerrscherInnen von den Ideen des Merkantilismus überzeugt und handelten mehr oder weniger nach seinen Grundsätzen. Eines der obersten Gebote bezog sich auf die Bevölkerungszahl eines Herrschaftsgebietes: Je mehr Menschen in einem Staat lebten und arbeiteten, desto reicher sollte auch der Staat werden, weil durch das Bevölkerungswachstum mehr Steuern eingenommen werden könnten. Müßig zu sagen, dass man den wachsenden Reichtum überwiegend auf den Staat als Gesamtes und nicht auf die einzelnen Menschen bezog. Die Ökonomen meinten aber auch, dass es sich für die Bevölkerung ‚rechnen‘ sollte, in einem bevölkerungsreichen Staat zu leben.

Die Merkantilisten setzten vor allem auf Förderung der Heiraten, da dies mehr Kinder bedeutete – jedenfalls theoretisch. ‚Großzügiger‘ wurden deshalb Eheerlaubnisse erteilt, Joseph II. schaffte diese überhaupt ab; die Handwerkszünfte sollten auch den Gesellen eine Heirat erlauben. Durch ihre ‚freizügigen‘ Ehegesetze kamen die Merkantilisten allerdings mit den lokalen Obrigkeiten und der polizeilichen Armenkontrolle in Konflikt. Da die Gemeinden die Armen zu versorgen hatten, versuchten sie, deren Heirat zu verhindern, um mögliche zusätzliche Kosten für deren Kinder zu vermeiden. Die Aufhebung der Ehebeschränkungen führte in manchen Gebieten – etwa im Salzkammergut – zu einer regelrechten ‚Heiratswut‘. Auch der Eintritt in den geistlichen Stand, der ja mit Ehe- und Kinderlosigkeit einherging, sollte beschränkt werden.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die Heiratsbeschränkungen wieder verschärft: Es durften nur noch jene heiraten, deren Lebensunterhalt gesichert war.

Christina Linsboth