1774–1784

Schule statt Arbeit

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Heiße Diskussionen eröffnete die Einführung der Allgemeinen Schulpflicht. Was bringt mehr Nutzen – Kinderarbeit oder Schulbildung?

„Man sollte … überhaupt aber alle Kinder, von ihrer Kindheit an, mehr zur Arbeitsamkeit anhalten, und ihnen die Arbeit gewohnt, und beliebt machen; wie denn in allen Staaten, wo der Nahrungsstand blüht, z.E. in Engelland und Holland, die Kinder sehr zeitig zur Arbeit angehalten werden.“

Johann Heinrich Gottlieb von Justi: Die Grundfeste zu der Macht und Glückseeligkeit der Staaten oder ausführliche Vorstellung der gesamten Policey-Wissenschaft (Erster Band, welcher die vollkommene Cultur des Bodens, die Bevölkerung, den Anbau, Wachsthum und Zierde der Städte; desgleichen die Manufacturen, Fabriken und Commercien und den Zusammenhang des ganzen Nahrungsstandes abhandelt, Hartung, Königsberg u.a. 1760, 697.

Die Reformen Maria Theresias und Josephs II. folgten stets einem Nützlichkeitsideal. Wie aber ließen sich Allgemeine Schulpflicht und Kinderarbeit vereinen? Zeitgenössische Wirtschaftstheoretiker und Merkantilisten sprachen sich dezidiert für Kinderarbeit aus: Schon ab dem 4. Lebensjahr sollten sie daran gewöhnt werden, Arbeit zu verrichten. Diese ‘praktische’ Disziplinierung würde Müßiggang und Trägheit vorbeugen. Kinderarbeitskräfte wurden besonders in der Textilindustrie (Spinnereien) sehr geschätzt. Maria Theresia verordnete 1761 sogar offiziell die Beschäftigung von Kindern in diesem Produktionszweig und legitimierte so die Kinderarbeit durch den Staat. Besonders Waisen- und Soldatenkinder kamen hier zum Einsatz. Im zeitgenössischen Diskurs garantierten Kinder zum einen die elterliche Altersversorgung, zum anderen wurden sie als nützliche und vor allem kostengünstige Arbeitskräfte für die Fabriken gesehen.

Die Vertreter der Aufklärung betonten dem gegenüber genauso die Bedeutung der schulischen Grunderziehung. Aufgabe der Schule sollte es sein, Fleiß, Gehorsam und christliche Demut zu lehren. Aus dieser Debatte resultierten die Fabrikschulen: Damit keine Arbeitszeit verloren ging, wurden Kinder in den direkt an den Fabriken angeschlossenen Schulen nach der Arbeit und an Feiertagen unterrichtet. Eine “kinderfreundlichere” Lösung gab es in den alpinen, landwirtschaftlichen Gebieten, wo nur im Winterhalbjahr unterrichtet wurde.

Obwohl damit die Grundlage für ein einheitliches Volkschulwesen in der Monarchie gelegt war, bewiesen noch im 19. Jahrhundert hohe Analphabetenraten, dass sich ein regelmäßiger Unterrichtsbesuch nur langsam durchsetzte.

Anita Winkler