Pressburg – Hauptstadt im Exil

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Pressburg, Pozsony, Prešporok, Posonium – ähnlich vielfältig wie die historischen Namen ist auch die Geschichte der heute unter ihrem modernen Namen Bratislava bekannten slowakischen Metropole. Unter den Habsburgern war die Stadt an der Donau einige Zeit Hauptstadt des Königreiches Ungarn.

Die habsburgische Epoche in der Geschichte der Stadt spiegelt die Probleme der Habsburger wider, in Ungarn Fuß zu fassen. Die Erlangung der ungarischen Königswürde im Jahre 1526 brachte der Dynastie nicht nur eine weitere altehrwürdige Krone ein, sondern war auch als Auftrag zu verstehen: Von den ungarischen Königen aus dem Haus Habsburg wurde erwartet, die Bedrohung durch die rasante Expansion des osmanischen Reiches abzuwehren – eine Aufgabe, die für die nächsten zwei Jahrhunderte zu einer der wichtigsten Herausforderungen der habsburgischen Monarchie werden sollte.

Die alte Hauptstadt Ofen (ungar. Buda) – diese mittelalterliche Burgstadt ist heute ein Stadtteil Budapests – ging 1541 an die Osmanen verloren. Daher bot sich Pressburg durch seine Lage unmittelbar an der Grenze zu Österreich – sozusagen ‚in Sichtweite‘ von Wien – und möglichst weit entfernt vom Frontgebiet als sicherer Sitz der Institutionen der Landesverwaltung und als Schauplatz der Krönungen an.

Das Land, von dem Pressburg Haupt- und Krönungsstadt geworden war, umfasste nur mehr ein Drittel des mittelalterlichen Königreiches: der habsburgische Teil Ungarns bestand aus Oberungarn (entspricht in etwa der heutigen Slowakei) und den westlichen Grenzgebieten zu Österreich. Zentralungarn und der Süden standen unter osmanischer Herrschaft. Das östliche Drittel bildete als Großfürstentum Siebenbürgen einen Pufferstaat, der geschickt zwischen den beiden Machtblöcken manövrierte. Ungarn verwandelte sich für die nächsten 150 Jahre in ein Schlachtfeld.

Als sich die Situation in Ungarn um 1700 zugunsten der Habsburger änderte, und ganz Ungarn unter habsburgische Herrschaft kam, blieb Pressburg dennoch weiterhin Hauptstadt, denn die alte Königsstadt Ofen war wie weite Teile Ungarns nach den Jahrhunderte langen Kampfhandlungen entvölkert und verwüstet.

Das 18. Jahrhundert war geprägt vom Wiederaufbau, aber auch von politischen und konfessionellen Gleichschaltungsversuchen von Seiten der habsburgischen Herrscher, gegen die die ungarischen Stände mehr oder weniger erfolgreich ihre alten Freiheiten behaupten konnten.

Unter Maria Theresia erlebte Pressburg eine letzte Blüte als Hauptstadt, die Burg wurde als Residenz des Statthalterpaares, Maria Theresias ‚Lieblingstochter‘ Marie Christine und deren Gatten Albert von Sachsen-Teschen, großzügig ausgebaut.

Joseph II. schließlich übertrug die Hauptstadtfunktion wieder auf Ofen, das nun rasant wachsen und als Teil von Budapest im 19. Jahrhundert Schauplatz der Entstehung der modernen ungarischen Nation werden sollte. Pressburg fiel in einen provinziellen Schlaf zurück, aus dem es erst durch die Bildung der Slowakei als territoriale Einheit im Rahmen der Tschechoslowakei (1918/1920) erwachte. 1992 wurde Bratislava schließlich Hauptstadt der unabhängigen Slowakischen Republik.

Martin Mutschlechner