Karl II. und die Frage der Nachkommenschaft

Juan Carreño de Miranda: König Karl II. von Spanien

Aufgrund von Karls schlechtem körperlichen Zustandes bestand trotz zweimaliger Verheiratung wenig Aussicht auf Nachkommenschaft. Die Zeugungsfähigkeit des Königs wurde zu einem Politikum, und die Frage beschäftigte ganz Europa.

Juan Carreño de Miranda: König Karl II. von Spanien

Karls erste Gattin, Marie Louise von Orléans (1662–1689), war die älteste Tochter des Bruders von Ludwig XIV., Philipp Herzog von Orléans, und Henriette Annes von England.

Das junge Paar wurde von Karls Mutter systematisch von der Regierung ausgeschlossen. Die junge Gemahlin agierte unbedarft und ohne politischen Ehrgeiz, und so machte sich Marie Louise Feinde bei Hof und verspielte durch ihre Extravaganzen bald auch die Sympathien im Volk. Die Ehejahre gelten dennoch als glücklichste Zeit im Leben Karls. Seine Gattin, sehr einfühlsam und lebensfroh, übte einen positiven Einfluss auf Karl aus, starb jedoch bereits 1689 nach zehnjähriger kinderloser Ehe an einer Lebensmittelvergiftung.

Aufgrund der drängenden Forderung nach Nachwuchs wurde Karl sofort wieder vermählt. Seine Mutter setzte mit Maria Anna von Pfalz-Neuburg (1667–1740) aus dem Geschlecht der Wittelsbacher eine Braut durch, die der habsburgischen Partei im Heiligen Römischen Reich entstammte. Die neue Königin war eine Schwester von Eleonore von Pfalz-Neuburg, der Gemahlin von Kaiser Leopold I. Somit waren Karl und das Oberhaupt der österreichischen Linie nun zusätzlich zur ohnedies engen Blutsverwandtschaft auch über ihre Gemahlinnen verschwägert.

Karls zweite Gattin war politisch sehr ambitioniert und erkämpfte sich bald eine gewichtige Position bei Hofe, wobei sie oft in Opposition zu ihrer Schwiegermutter geriet. Nach deren Tod 1696 stand die junge Königin nun im Vordergrund. Die Wittelsbacherin wurde jedoch als Landfremde von weiten Teilen des Adels abgelehnt. Verstärkt wurde die negative Stimmung bei Hof und im Land durch den sich rapide verschlechternden Zustand des Königs, der an Ohnmachtsanfällen und Bewusstseinsstörungen litt.

Im letzten Jahrzehnt seines Lebens musste der König zusehen, wie die Mächte Europas seinen baldigen Tod kaum erwarten konnten und sein Erbe zu Lebzeiten unter sich aufteilten. Er selbst durchblickte die Vorgänge nicht mehr völlig: So wurde er mehrmals zur Unterschrift unter einander widersprechende Abmachungen und Testamente genötigt. 1698 wurde auf Initiative der Niederlande unter Wilhelm III. von Oranien ein Kompromiss erzielt, dem gemäß dem Kurprinzen von Bayern, dem Wittelsbacher Josef Ferdinand, die spanische Krone zufallen sollte. Dieser war ein Großneffe Karls II., denn der bayrische Prinz war der Enkel von dessen Schwester Margarita Teresa. Außerdem hätten Frankreich und Österreich Territorien zur Abfindung ihrer Ansprüche zugesprochen bekommen. Dieser mühsam erkämpfte Plan wurde durch den plötzlichen Tod des bayrischen Prinzen 1699 zunichte gemacht.

Karl wurde nun wiederum Opfer diverser Intrigen und Beeinflussungsversuche von Gattin, Höflingen und Botschaftern der Großmächte Europas. Der spanische König, völlig erschöpft und dem Tod nahe, wurde zu einem willenlosen Spielball der Streitparteien. Das Rennen machte zuletzt die pro-französische Partei am Hof, die kurz vor dem Tod des Königs dessen Unterschrift unter ein Testament zugunsten bourbonischer Ansprüche erreichte. „Gott allein gibt die Königreiche … ich bin ein Nichts“ war Karls Kommentar zu diesem diplomatischen Tauziehen.

Der Inhalt des Testaments, wonach Philipp von Anjou, der Enkel des Sonnenkönigs und seiner Gattin Maria Teresa, einer Schwester Karls, das Erbe zugesprochen bekam, wurde von Österreich und dessen Verbündeten nicht anerkannt. Am 1. November 1700 wurde Karl von seinem tragischen Leben erlöst, kurz darauf begann der Spanische Erbfolgekrieg, der bis 1714 dauern sollte und große Teile Europas erfasste.

Martin Mutschlechner