Grundherr sucht Bauern, Vergabe auf Lebenszeit möglich – Die 'Entstehung' des Bauerntums

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Der spätmittelalterliche Bevölkerungsrückgang brachte die bäuerliche Bevölkerung in eine bessere 'Verhandlungsposition' gegenüber den Grundherren. Höfe wurden beispielsweise vererbbar.

Der pestbedingte Bevölkerungsrückgang wirkte sich in städtischen Gebieten auf die Arbeitsverhältnisse und Löhne aus. Da die Arbeitskräfte knapp waren, stiegen die Löhne und Dienstleute wurden verstärkt abgeworben. Der Rat der Stadt Wien erließ in den 1350er Jahren sogar Verordnungen gegen das Abwerben von Personal. Auch in ländlichen Regionen traten die Grundherren in ‚Konkurrenz‘ um die verbliebenen UntertanInnen. Während des hochmittelalterlichen Bevölkerungswachstums war das „Freistift“ die drückendste Lehensform. Weil die Grundherren ohnehin aus einer Vielzahl an Menschen, die an einem Lehen interessiert waren, auswählen konnten, beendeten sie oft das Lehensverhältnis mit Jahresfrist. Um eine Abwanderung der Arbeitskräfte nach der Pest zu verhindern, machten sie nun Zugeständnisse, welche die rechtliche Lage der bäuerlichen Bevölkerung verbesserten. Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts wurden immer mehr Lehen auf Lebenszeit vergeben oder sogar vererbbar.

Die bäuerliche Bevölkerung gewann an Sicherheit und Freiheiten. Über die soziale Stellung Einzelner entschied immer mehr die Größe eines Hofes und der bewirtschafteten Fläche. Die bäuerliche Gemeinde, die als ‚Organ der Selbstverwaltung‘ Alltägliches regelte, wurde zu einer wichtigen Institution gegenüber der Herrschaft.

Bei der Vererbung des Besitzes entwickelte die bäuerliche Bevölkerung verschiedene Strategien. Bei der Realteilung, die vor allem in Vorarlberg, im westlichen Tirol, in der südlichen Steiermark und im Burgenland vorherrschte, wurde das Erbe auf alle (männlichen) Nachkommen aufgeteilt. Beim Anerbenrecht ging das gesamte Erbe meist auf den ältesten (seltener auf den jüngsten) Sohn über. In der Praxis traten zahlreiche Mischformen auf. Die im 14. und 15. Jahrhundert in Anerbenregionen entstandenen Besitzgrößen blieben teilweise bis ins 19. Jahrhundert bestehen.

Christina Linsboth