1614–1662

Erzherzog Leopold Wilhelm: Ein barocker Kirchenfürst par excellence

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Leopold Wilhelm stellt einen Extremfall einer Anhäufung kirchlicher Ämter und Pfründen dar. Ohne jemals die höheren Weihen als Priester empfangen zu haben, war er nicht weniger als sechsfacher Bischof.

Geboren am 5. Januar 1614 in Wiener Neustadt als Jüngstes von sieben Kindern von Ferdinand II. und dessen erster Gemahlin Maria Anna von Bayern, galt der Erzherzog als begabtes und intelligentes Kind. Er hatte jedoch als nachgeborener Sohn wenig Aussicht auf die Thronfolge oder eine weltliche Fürstenherrschaft.

Daher wurde er für den geistlichen Stand bestimmt und erzogen – nicht weil er persönlich oder charakterlich dafür geeignet gewesen wäre, sondern weil dies eine oft geübte Praxis war, um nachgeborenen Söhnen bedeutender katholischer Dynastien ein standesgemäßes Einkommen zu garantieren.

Im Falle Leopold Wilhelms nahm dies jedoch aus heutiger Sicht absurde Formen an: Der Erzherzog war mehrfacher Kirchenfürst und hatte eine Vielzahl von Bischofswürden inne, obwohl dies gegen die Bestimmungen des Reformkonzils von Trient verstieß. Denn der protestantischen Kritik der Pfründenwirtschaft im katholischen Klerus sollte entgegengewirkt werden. Ein Bischof sollte tatsächlich als Seelsorger wirken und vor Ort anwesend sein (Residenzpflicht). In der Realität waren Bischöfe aber weiterhin vor allem weltliche Machtträger, denn sie verfügten über eigene Territorien, denen sie als Fürstbischöfe und souveräne Herrscher vorstanden. Eine Vielzahl der miniaturhaften Länder im bunten Gewirr des Heiligen Römischen Reiches waren Kirchenstaaten.

Hier eine Aufzählung der kirchlichen Ämter und Würden, die Erzherzog Leopold Wilhelm in sich vereinte: Bereits 1626, im Alter von zwölf Jahren, wurde ihm die Nachfolge seines Onkels Erzherzog Leopold V. als Bischof von Straßburg und Passau zugesprochen.

Problematischer war seine Installation als Bischof von Halberstadt (1627) und  Erzbischof von Magdeburg (1629), da diese Territorien im protestantisch dominierten Norden des Reiches lagen und die katholische Infrastruktur bereits kaum mehr vorhanden war. Die Ernennung Leopold Wilhelms ist hier im Zusammenhang mit den Interessen seines Vaters Kaiser Ferdinand II. zu sehen, der 1629 angesichts der damaligen für das kaiserlich-katholische Lager günstigen Situation die Maximalforderung des Restitutionsedikts stellte, wonach alle geistlichen Territorien, die nach 1522 im Zuge der Reformation in weltliche Hände gefallen waren, der katholischen Kirche zurückerstattet werden sollten.

Leopold Wilhelm war in diesen beiden Bistümern der letzte katholische Fürstbischof, denn die Gebiete wurden weltlichen protestantischen Nachbarterritorien zugesprochen. Halberstadt ging 1648 an Brandenburg, in Magdeburg war der Habsburger ohnedies nur nominell zum Erzbischof ernannt worden, ohne hier jemals wirklich die Herrschaft zu übernehmen. 1635 wurde das Erzstift endgültig offiziell säkularisiert und Herzog August von Sachsen zugesprochen.

1637 erhielt er die Stelle eines Bischofs von Olmütz. Mit diesem Amt waren keine souveränen Herrschaftsrechte verbunden, da das Bistum sich auf dem Gebiet der zur Habsburgermonarchie gehörenden Markgrafschaft Mähren befand. Der Olmützer Bischofssitz war jedoch finanziell außerordentlich gut dotiert. Ähnliche Beweggründe spielten auch eine Rolle im Fall des Bistums Breslau in Schlesien, wo er 1655 die Würde eines Bischofs zugesprochen erhielt.

Außerdem übte Leopold Wilhelm seit 1641 auch das Amt des Hoch- und Deutschmeisters aus. Mit der Stellung als Oberhaupt dieses katholischen Ritterordens verbanden sich religiöse und militärische Aufgaben. 

Martin Mutschlechner