1614–1662

Leopold Wilhelm: Der Kirchenmann in Rüstung

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Der Fokus seines Wirkens lag – obwohl ihm durchaus eine hohe persönliche Frömmigkeit und seinem geistlichen Stand entsprechender Lebenswandel attestiert wurden – weniger auf dem Gebiet der Seelsorge sondern auf seiner Karriere als Feldherr und Diplomat.

Leopold Wilhelm spielte in der kaiserlichen Politik eine bedeutende Rolle.1639 erhielt er aus den Händen seines Bruders Kaiser Ferdinand III. den Oberbefehl über die kaiserliche Armee. Er erzielte anfänglich respektable Erfolge und konnte die Schweden aus Böhmen, Sachsen und Schlesien zurückdrängen. Doch das Blatt wendete sich radikal durch die desaströse Schlacht von Breitenfeld am 2. November 1642, die der Erzherzog gegen den Rat seiner Generäle wagte. Nach dieser Niederlage legte er den Oberbefehl zurück.

Weitere Niederlagen der kaiserlichen Streitkräfte (z. B. in der Schlacht von Jankau in Böhmen 1645) führten dazu, dass er 1645 wieder mit dem Oberbefehl betraut wurde. Der Hintergedanke war, dass er als Mitglied der Dynastie besondere Autorität bei der Armee genießen und außerdem loyaler zu den Zielen der Dynastie stehen würde als so mancher General. Leopold Wilhelm war als „Generalissimus“ der kaiserlichen Armee in diesen Jahren mit einer enormen Machtfülle ausgestattet.

Die Situation war katastrophal: Die Schweden hatten nun ungehinderten Zugang in das Kerngebiet der Habsburgermonarchie und besetzten Böhmen und Österreich nördlich der Donau. Leopold Wilhelm versuchte zu retten, was zu retten war. Ohne risikoreiche große Schlachten zu wagen, setzte er auf vorsichtiges Manövrieren. Die Erkenntnis, dass ein entscheidender Sieg unmöglich war, ließ ihn zu einem Vertreter einer Kompromisslösung und rascher Friedensverhandlungen werden.

1646 erschloss sich ihm ein neues Tätigkeitsfeld, als er im Namen des spanischen Königs die Statthalterschaft der Spanischen Niederlande annahm. Hier konnte er einen diplomatischen Erfolg erzielen: es gelang ihm, die eben erst von Spanien unabhängig gewordenen nördlichen Vereinigten Provinzen zu einer Allianz gegen das expandierende Frankreich zu gewinnen. Trotz anfänglicher Erfolge konnte die Übermacht Frankreichs nicht bezwungen werden. 1656 legte er sein Amt als Statthalter nieder.

Aufgrund seiner Erfahrung genoss Leopold Wilhelm hohes Ansehen als Politiker und galt nach dem Tod seines Bruders Ferdinand 1657 sogar kurzfristig als Kandidat für die Kaiserwürde. Dieses schmeichelhafte Angebot verfolgte er aus dynastischen Gründen nicht ernsthaft weiter und ließ seinem Neffen Leopold I. den Vortritt. Leopold Wilhelm starb am 20. November 1662 in Wien, wo er auch bestattet wurde. Sein Sarg befindet sich in der Wiener Kapuzinergruft.

Den Namen Erzherzog Leopold Wilhelms verbindet man heute vor allem mit Kunstmäzenatentum und Sammlerleidenschaft. Vor allem während seiner Statthalterschaft in den Niederlanden, als die Künste in höchster Blüte standen, erwarb er eine Vielzahl von Kunstobjekten, u. a. Gemälde von Rubens. Nach seinem Rücktritt als Generalgouverneur der Niederlande 1656 übersiedelte er seine Kunstsammlung von Brüssel nach Wien, wo sie heute einen der wichtigsten Grundbestände des KHM bildet.

Martin Mutschlechner