Ein 'edler' Räuber ohne Grenzen

"Der Räuberhauptmann Grasl", Porträt

Ein Großteil der Landbevölkerung lebte zu Beginn des 19. Jahrhunderts in heute unvorstellbar ärmlichen Verhältnissen. Aus diesem Milieu stammte der "Räuberhauptmann" Johann Georg Grasel.

Wer den Raubmörder Johann Georg Graßl (…) lebend an das Kriminalgericht des Magistrats der Haupt- und Residenzstadt Wien, oder an ein anderes Kriminalgericht hier Landes einliefert, erhält, wenn er kein Mitschuldiger desselben ist, eine Belohnung von Viertausend Gulden Wiener Währung. (…)

Nach Schilderung einiger seiner verhafteten Mitschuldigen ist Johann Georg Graßl 22 Jahr alt, großer schlanker Statur, hat ein länglichtes mehr mageres als fettes Gesicht von gesunder Farbe, mit wenigen Blatternarben, und Sommersprossen, graue Augen, eine länglichte gespitzte etwas links gebogene Nase, die Unterlippe kennbar stärker, als die obere, kleine weiße etwas voneinanderstehende Zähne, dunkelbraune kurzgeschnittene Haare, derley schwache Augenbraumen, und schwachen unter das Kinn gewachsenen Backenbart, unter dem rechten Ohr eine Schrame, die quer gegen die Wange läuft, und den kleinen Finger an der rechten Hand krum und einwärts gebogen.

Kundmachung des k. k. Kreisamts in Krems an der Donau vom 7. November 1815

"Der Räuberhauptmann Grasl", Porträt

Die Napoleonischen Kriege verstärkten den täglichen Kampf einer breiten Bevölkerung ums Überleben. Beamte kamen immer wieder in die Dörfer, um junge Männer als Soldaten anzuwerben. Die Obrigkeit schob die Schuld an den enormen sozialen Problemen den Menschen selbst zu, anstatt zu erkennen, dass der geringe Verdienst oft nicht zum Überleben reichte. Kleindiebstähle und Betteln gehörten daher für viele Menschen zu alltäglichen Überlebensstrategien.

Aus diesen Randschichten stammte Johann Georg Grasel. Geboren 1790 in Neu-Serowitz (heute Nové Syrovice in der Tschechischen Republik), stammte er aus einer Abdeckerfamilie: Abdecker waren für die Verwertung von Tierkadavern zuständig, also ein wenig angesehener Beruf. Nach ersten kleinen Diebstählen und Einbrüchen begann Grasel um 1809 seine Räuberkarriere. Diese bestand aber nicht nur aus Rauben und Morden: Grasel versuchte immer wieder, mit ehrlicher Arbeit Geld zu verdienen. Als Räuber war er über die Verwaltungsgrenzen hinweg im Wald- und Weinviertel (im heutigen Niederösterreich) sowie in Südböhmen und -mähren (im heutigen Tschechien) aktiv.

Grasel schloss sich mit anderen Außenseitern für jeweils kurze Zeit zusammen, wodurch der Eindruck einer riesigen Räuberbande mit ihm als „Hauptmann“ entstand. Er erlangte einen gefürchteten Ruf, der seine tatsächliche Gefährlichkeit weit überstieg. Als der Krieg zu Ende ging und in der Hauptstadt der Wiener Kongress stattfand, wollte der Staat auch dem Räuberunwesen Einhalt gebieten. Die Fahndung nach Grasel wurde daher verstärkt, auf seine Ergreifung wurden Geldprämien ausgesetzt. Kaiser Franz II./I. genehmigte sogar persönlich die Erhöhung dieser Prämie.

Im November 1815 wurde Grasel schließlich in einem Gasthaus in Mörtersdorf bei Horn gefangen genommen. Im folgenden Prozess wurde ihm vor allem ein Raubmord angelastet, er gestand auch eine Vielzahl anderer Taten. Im Jänner 1818 folgte das Urteil: „Tod durch den Strang“. Grasel und zwei seiner Genossen wurden am 31. Jänner vor dem Neutor auf dem Glacis erhängt. Angeblich soll Grasel in Anbetracht des großen Publikums noch gesagt haben: „Jessas, sovül Leit‘!“ („Jesus, so viele Leute!“)

Posthum erfuhr Grasel wie viele andere Räuber eine Umdeutung zur volkstümlichen Beliebtheit: Die Überlieferung aus obrigkeitlichen Schriftstücken vermischte sich mit populären Geschichten und Mythen. Heute wird er in Wien und Niederösterreich – auch zur touristischen Vermarktung – als „edler Räuber“ und „Robin Hood des Waldviertels“ stilisiert. Im Tschechischen ist immer noch die Phrase „Ty grázle“ („Du Grasel“) geläufig, die „Du Gauner“ oder „Du Lump“ bedeutet.

Stephan Gruber