Aus dem Logbuch von Kume Kunitake

Wilhelm Burger: Gruppenbild mit Menschen aus Japan, Fotografie, 1869/70

Kume Kunitake, ein Historiker an der kaiserlichen Universität in Tokio, war Mitglied der japanischen Iwakura-Mission. Seine Eindrücke von Wien hielt er in seinem Logbuch fest.

Wilhelm Burger: Gruppenbild mit Menschen aus Japan, Fotografie, 1869/70

In Wien angekommen, logierte die japanische Delegation im Hotel Austria, das von der österreichischen Regierung zur Verfügung gestellt wurde.“Für Küche und Keller hatte die Delegation selbst zu sorgen“, so der knappe Eintrag Kunitakes zur Unterkunft.

Besonderes Lob galt dem kulturellen Leben Wiens, sowie der „vorzüglichen, festen Pflasterung“, wofür „die Stadt in ganz Europa bekannt ist“. Penibel wurde notiert, dass ein Quadratmeter Granit durchschnittlich 10 Gulden und der Preis für Pflastersteine in Wien pro Kubikmeter bei 39 bis 43 Gulden lag, sowie die Bepflasterung durchschnittlich 18 Jahre, auf viel befahrenen Straßen mindestens 12 Jahre, hielte.

Auch vergleichende Charakterstudien wurden angestellt: „Die Preußen leben im Norden in rauen und kalten Gebieten. Diese widrigen Umstände haben sie aber nicht entmutigt, sondern ihre Durchhaltekraft zusätzlich gestärkt. In Kriegsdingen sind sie energisch und tapfer, oft neigen sie zu großer Härte. Nach und nach unterwarfen sie ihre Nachbarn, und uns schien, als ob die Atmosphäre in Berlin deshalb eine gewisse Arroganz und Aggressivität ausstrahlte. Österreich hingegen ist ein Land gesegnet mit fruchtbaren Böden und einem milden Klima. Seit langem blüht die Kultur (…) Dieser Reichtum begünstigte das etwas sanftere Wesen der Österreicher.“

Die Rundgänge durch Wien, die Weltausstellung, das Arsenal und eine Waffenfabrik führten zu ambivalenten Einschätzungen: Die Leistungen der Wissenschaft, namentlich im Ingenieurwesen und der Medizin sowie in der Industrie, wurden hervorgehoben, gleichzeitig unmissverständliche Kritik an Kriegsführung und Militärwesen geäußert. „Auf dem Gebiete der Bewaffnung scheint Österreich wie in der Frage des Konstitutionalismus zivilisatorisch 40 Jahre weit zurückzuliegen“, und zwar in einem „für ein zivilisiertes Land schandbaren Ausmaß“.

Der Einfluss der japanischen Kultur machte sich auch in der Habsburgermonarchie bemerkbar: 1868-1870, unmittelbar vor der Iwakura-Mission, brach ein k. k. Expeditions-Team nach Ostasien und auch Japan auf.

Ebenso war bei der Wiener Weltausstellung 1873 sowie im Wiener Kulturleben der japanische Einfluss unübersehbar. Der Geschäftsmann und k. u. k. Hoflieferant Singer wusste geschickt den europäischen Japan-Boom auszunutzen und etablierte sich als größter Importeur von fernöstlichen Waren in Österreich-Ungarn.

Mindestens ebenso beeindruckt von der dieser Kultur zeigte sich der Thronfolger Franz Ferdinand von Österreich-Este bei seiner Weltreise 1893.

Anita Winkler