Werkstatt des Hofmalers Martin van Meytens: Krönung Josephs II. in der St. Bartholomäuskirche in Frankfurt, Ölgemälde, nach 1764

Werkstatt des Hofmalers Martin van Meytens: Krönungsmahl Josephs II. im Frankfurter Römer, Ölgemälde, nach 1764

Joseph II. mit Kaiserinsignien, Ölgemälde, um 1765

Alte Zeiten – neue Zeiten: Die Krönung Josephs II. in Frankfurt

Werkstatt des Hofmalers Martin van Meytens: Krönung Josephs II. in der St. Bartholomäuskirche in Frankfurt, Ölgemälde, nach 1764

Werkstatt des Hofmalers Martin van Meytens: Krönungsmahl Josephs II. im Frankfurter Römer, Ölgemälde, nach 1764

Joseph II. mit Kaiserinsignien, Ölgemälde, um 1765

Frankfurt am Main, der traditionelle Ort der Krönungen der Herrscher des Heiligen Römischen Reiches, war im Jahre 1764 Schauplatz eines "halb majestätischen, halb gespenstischen Welttheaters", wie es der Augenzeuge Johann Wolfgang von Goethe formulierte. Das Ritual, das sich rund um die Wahl des habsburgischen Kronprinzen Joseph entfaltete, war ein prachtvolles Schauspiel einer untergehenden Welt.

Der junge König schleppte sich in den ungeheuren Gewandstücken mit den Kleinodien Karls des Großen, wie in einer Verkleidung, einher, so dass er selbst […] sich des Lächelns nicht enthalten konnte.

aus: Johann Wolfgang v. Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit (Band1, 5. Buch).

Werkstatt des Hofmalers Martin van Meytens: Krönung Josephs II. in der St. Bartholomäuskirche in Frankfurt, Ölgemälde, nach 1764

Werkstatt des Hofmalers Martin van Meytens: Krönungsmahl Josephs II. im Frankfurter Römer, Ölgemälde, nach 1764

Joseph II. mit Kaiserinsignien, Ölgemälde, um 1765

Das Heilige Römische Reich, dessen zukünftiger Herrscher gerade von den Kurfürsten gewählt wurde, war nur mehr ein urtümliches Relikt, ein buntes Sammelsurium von Klein- und Mittelstaaten, das zwischen den Großmächten zerrieben wurde. Die Machtkonstellation in Europa hatte sich nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges fundamental geändert, das Alte Reich war politisch obsolet und nur mehr in Symbolen präsent.

Dennoch war dem Haus Habsburg viel daran gelegen, den über Generationen gehegten imperialen Anspruch auf die Kaiserwürde auch diesmal durchzusetzen. Noch zu Lebzeiten des regierenden Kaisers Franz I. Stephan von Lothringen wurden als Resultat eines langen diplomatischen Vorspiels alle Kurfürsten, darunter auch der Erzfeind Friedrich II. von Preußen als Kurfürst von Brandenburg, für die Wahl Josephs gewonnen.

Mit archaischen Ritualen wurde eine fiktive Kontinuität des Alten Reiches seit seinen sagenumwobenen Ursprüngen unter Karl dem Großen demonstriert. Nach dem Einzug in die Stadt folgte die Krönung mit peinlichster Einhaltung der überkommenen Formalitäten unter Verwendung der mittelalterlichen Insignien.

Daran schloss sich das Krönungsmahl im Frankfurter Rathaus, dem Römer, wo die Großen des Reiches die traditionellen Erzämter ausübten, also symbolhaft den soeben gekrönten Herrscher an der Tafel bedienen sollten. Um diese persönliche Unterwerfung vor dem Herrscher zu vermeiden, glänzten jedoch die meisten Fürsten des Reiches durch Abwesenheit, und ihre Plätze an der Tafel blieben leer, was die sinnentleerte Formelhaftigkeit des Rituals in seiner Absurdität noch steigerte.

Der Hauptakteur, Joseph II., selbst von den rationalen Idealen der Aufklärung geprägt, fühlte sich augenscheinlich als Fremdkörper inmitten dieses ganz auf althergebrachten Riten und mittelalterlicher Formensprache beruhenden Spektakels – in einem Brief an Maria Theresia bezeichnete er die ganze Angelegenheit als „une vraie comédie“, eine wahre Komödie.

Martin Mutschlechner