Karl V. und der Traum von der Universalmonarchie

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1556, im Alter von 55 Jahren hatte sich Karl, der damals mächtigste Mann der Welt, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und Herrscher über das spanische Weltreich, entschieden, Krone und Ämter niederzulegen.

…Ich habe die Kaiserkrone gesucht, nicht um über mehr Reiche zu gebieten, sondern um für das Wohl des Landes und andere Reiche zu sorgen, der gesamten Christenheit Frieden und Eintracht zu erhalten…Ich habe darum viele beschwerliche Reisen machen, viele Kriege führen müssen…aber niemals mutwillig, sondern stets sehr gegen meinen Willen. …Große Hoffnung hatte ich – nur wenige haben sich erfüllt und nur wenige blieben mir, und um den Preis welcher Mühen! Das hat mich schließlich müde und krank gemacht. Glaub nicht, dass  ich mich irgend Mühen und Gefahren entziehen will, meine Kräfte reichen nicht mehr hin. Vertraut meinen Sohn, seid einig, übt stets Gerechtigkeit und lasst den Unglauben nicht in eure Reihen…

Karl V. über seine Auffassung des Kaiseramtes

In der Person Karls erreichten die Habsburger erstmals den Status einer Weltmacht. Angesichts der extremen Ausdehnung des Herrschaftsgebietes über mehrere Kontinente sprachen die Zeitgenossen von einem Reich, „in dem die Sonne nie unterging“.

Die Machtbasis war Spanien: Da er erstmals in einer Person die Kronen von Kastilien, Navarra und Aragón vereinte, gilt Karl als der erste König von Gesamt-Spanien. Zu seinem Herrschaftsbereich gehörten auch die Königreiche von Neapel, Sizilien und Sardinien sowie die Niederlande als Teil des burgundischen Erbes.

Mit Karl verbunden ist auch die Entstehung des spanischen Kolonialreiches in Süd- und Mittelamerika: Unter seiner Regentschaft erreichte die Zerstörung der altamerikanischen Kulturen, die Ausbeutung und Versklavung der indigenen Völker ihren Höhepunkt. Die Aufforderungen des im fernen Europa regierenden Karls an die Conqistadores und Missionare, die Urbevölkerung zu schützen und durch Überzeugung anstatt mit Gewalt zum Christentum zu bekehren, blieben angesichts der brutalen Realität halbherzige Versuche, die spanische Eroberung Amerikas moralisch zu rechtfertigen.

Kurzfristig gehörte auch Österreich zum weltumspannenden Reich des Kaisers. Als 1519 sein Großvater Maximilian I. starb, erbte Karl die österreichischen Erbländer. 1521/22 übergab er jedoch die Herrschaft über den mitteleuropäischen Stammbesitz der Habsburger an seinen jüngeren Bruder Ferdinand, den Begründer der österreichischen Linie der Habsburger.

Angesichts des enormen Machtzuwachses entwickelte Karl bald die Idee einer weltumspannenden Universalmonarchie. Zur Vervollständigung seines Anspruches der Vorherrschaft in Europa fehlte nur noch die Kaiserwürde. Um Maximilians Nachfolge als Kaiser bewarben sich neben ihm auch Franz I. von Frankreich und Heinrich VIII. von England. Im Juni 1519 wählten die Kurfürsten in Frankfurt Karl zum König, was die Vorstufe zur Erlangung der Kaiserwürde war. Karl war bei seinem hochfliegenden Anspruch jedoch mit dem durch und durch weltlichen Problem des Geldmangels konfrontiert, denn die Kurfürsten wollten ihre Stimmen abgegolten wissen. Den Wahlkampf hatte hauptsächlich die Kaufmannsfamilie der Fugger finanziert, von denen der Kaiser in Folge finanziell abhängig war. Karl V. war auch der letzte Kaiser, dessen Kaisertum durch die Krönung durch Papst Clemens VII. in Bologna bestätigt wurde.

Karls Anspruch auf die Führungsrolle im Konzert der Mächte war nicht unumstritten: Frankreich wurde zum „Erbfeind“ für die nächsten zwei Jahrhunderte. Im Osten erwuchs den Habsburgern in der Gestalt des Osmanischen Reiches ein mächtiger Gegner. In Nachfolge der Spanischen Reconquista gegen die Mauren unternahm Karl Feldzüge nach Nordafrika, während er die Abwehr der unaufhaltsamen Expansion der Türken am Balkan seinem Bruder Ferdinand überließ.

Karl sah sich als Verteidiger der Christenheit – doch gerade während seiner Herrschaft zerbrach die Einheit der Römischen Kirche endgültig. Er unterschätzte die Kraft der Reformation im Reich. Es war dies nicht nur eine theologische Frage, sondern ein politisches Kräftemessen zwischen Kaiser und Reichsfürsten, die auf ihre Vorrechte und Eigenständigkeit pochten. Der universale Anspruch Karls ist auch in seinen Lösungsversuchen im Glaubensstreit sichtbar: Der Kaiser wollte eine grundlegende Reform der Kirche. Karl sah sich als unparteiischer Schiedsrichter, der die Einheit der Christenheit bewahren wollte. Er scheiterte in seinem Vorhaben vollkommen: Die Glaubensspaltung war Realität geworden.

Als Herrscher kämpfte Karl zeitlebens mit dem Widerspruch zwischen dem Anspruch auf universale Herrschaft und den Schwierigkeiten, diese Herrschaft in den verschiedenartigen Teilen seines Reiches tatsächlich umzusetzen. Karl war ständig auf Reisen, um das Fehlen eines leistungsstarken modernen Verwaltungsapparates zu kompensieren. Er scheiterte nicht zuletzt an den damaligen Möglichkeiten der Nachrichtenübermittlung. Seine sich über die Kontinente erstreckende Monarchie war unregierbar geworden.

Karl kämpfte auch mit den Widerständen der regionalen Kräfte, sowohl in Spanien, in den Niederlanden als auch im Reich, gegen eine universale, supranationale Monarchie unter habsburgischen Vorzeichen. Der Habsburger musste schlussendlich die Undurchführbarkeit seines Vorhabens akzeptieren und resignierte. Das Kaisertum ging an seinen Bruder Ferdinand und die spanische Krone an seinen Sohn Philipp. Selbst innerhalb der Dynastie konnte eine Aufteilung der Herrschaft in mehrere Linien nicht verhindert werden.

Das Hieronymiten-Kloster von Yuste im Hochland der Extremadura südwestlich von Madrid war das letzte Refugium des Kaisers. Die Hieronymiten waren ein Einsiedlerorden, der in strenger Askese und Weltabgeschiedenheit den Weg zu Gott finden wollte. Hier verbrachte Karl seine letzten beiden Lebensjahre bis zu seinem Tod. Krankheiten, vor allem die Gicht, beeinträchtigten ihn in den letzten Lebensjahren. Von Schmerzen geplagt musste er in Sänften und Tragsesseln transportiert werden. Karl V. trat nicht in den Orden ein, lebte aber mit den Mönchen. Für ihn wurde ein kleiner, acht Räume umfassender Palast im italienischen Stil direkt an das Kloster angrenzend erbaut. Karls Schlafgemach verfügte über eine Verbindungstür zum Altarraum des Klosters. Der aufgrund seiner Gichterkrankung fast bewegungsunfähige Karl konnte so die Messe von seinem Bett aus verfolgen.

Nach dem Tod Karls im September 1558 wurde der Leichnam des Kaisers zunächst unter dem Altar des Klosters beigesetzt. Später wurde der Sarg von seinem Sohn Philipp II in das Pantheon der spanischen Könige im Klosterpalast von El Escorial überführt. 1958, anlässlich des 400. Todestages von Karl wurde das zwischenzeitlich aufgelassene Kloster in Yuste wieder dem Orden übergeben, wo die Hieronymiten das Andenken an den Kaiser, der an seinem Traum der Universalmonarchie scheiterte, hochhalten.