Das Neugebäude – der Traum eines Idealisten

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Das Neugebäude ist eine heute weitgehend vergessene Schlossanlage, deren kümmerliche Reste von der Großstadt Wien verschluckt wurden. Nur in alten Ansichten lässt sich die einstige Pracht erahnen: der Torso dieses habsburgischen Großprojektes steht symbolisch für den vergeblichen Versuch seines Erbauers, sein Ideal einer Welt der Bildung und Kunst zu verwirklichen.

Kaiser Maximilian II. galt als versöhnlicher Charakter, der versuchte, über den Konflikten zwischen Katholiken und Protestanten zu stehen. Seine  persönliche Toleranz und Abscheu vor religiösem Extremismus ließen ihn politisch oft im Gegensatz zu der kompromisslos katholischen Ausrichtung seiner spanischen Verwandten stehen.

Der humanistisch gebildete Maximilian versuchte an seinem Hof sein Ideal eines künstlerischen und wissenschaftlichen Universalismus zu verwirklichen. Er legte den Grundstock der kaiserlichen Sammlungen und versammelte einen Kreis von Humanisten und Kosmopoliten um sich. Maximilians universalistischer Anspruch spiegelt sich auch in der Konzeption des Neugebäudes: Ein Ort der Begegnung mit den Schätzen der Kunst und der Natur, ein Abbild der Welt im Kleinen sollte entstehen, mit dessen Realisierung 1568 begonnen wurde.

Geplant war ein Gesamtkunstwerk nach dem antiken Vorbild der römischen Kaiservillen: Die Lage auf der weiten Simmeringer Haide außerhalb der engen, mittelalterlich geprägten Residenzstadt Wien entsprach dem humanistischen Ideal der Erholung in ländlicher Umgebung – ein Aspekt, der angesichts der heutigen Situation der Anlage am südöstlichen, industriell geprägten Stadtrand von Wien nur schwer nachvollziehbar ist.

Das Hauptgebäude, das die Sammlungen Maximilians beherbergen sollte, saß auf einer Geländekante, die weite Ausblicke auf die Donauauen ermöglichte. Den Übergang zur wilden Natur der Flusslandschaft bildete ein eingefriedetes Jagdgehege. In unmittelbarer Umgebung des Schlosses befand sich ein künstlerisch gestalteter Lustgarten mit Brunnenanlagen, Grotten und Galerien, wo botanische Raritäten wie Tulpen, Flieder und Kartoffel, aber auch exotische Tiere, die dank der wissenschaftlichen Ambitionen des Kaisers nach Wien gelangten, zu bestaunen waren.

Die folgenden Generationen der Habsburger hatten für das nach dem frühen Tod Maximilians 1576 unvollendet gebliebene Projekt wenig Interesse. Unter Maria Theresia hatte die verfallende Anlage endgültig als kaiserliches Lustschloss ausgedient: Sie ließ verwertbare Bauteile für den Bau der Schönbrunner Gloriette wiederverwenden. Das Neugebäude wurde der militärischen Nutzung zugeführt und als Pulvermagazin verwendet. Auf Teilen der Anlage entstand in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts das Krematorium, das eigentliche Schloss wartet als Halbruine noch immer auf eine adäquate Nutzung.

Martin Mutschlechner