Rudolf II. und die Goldene Stadt

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Der Zauber Prags gründet sich einerseits auf historische Bauwerke, andererseits auf die Zeugnisse des Zusammenlebens verschiedener Völker in der Goldenen Stadt. Die Faszination materialisiert sich in der Person Kaiser Rudolfs II., an dessen Hof eine ästhetische Parallelwelt entstand, die in eigenartiger Diskrepanz stand zur schwindenden Macht des Kaisers.

Die widersprüchliche Persönlichkeit Rudolfs wurde unterschiedlichst charakterisiert: als wunderlicher Melancholiker, rätselhafter Freund der Künste und Wissenschaften, gar als geisteskranker Phantast und Spinner, der in einer exklusiven Traumwelt gefangen war, wird er beschrieben.

Im Jahre 1583 verlegte er seinen Hof nach Prag, das damals bedeutend größer als Wien und von komplizierten politischen und konfessionellen Verhältnissen geprägt war. Die ausgeprägten künstlerischen Vorlieben und wissenschaftlichen Interessen des Habsburgers ließen in Prag bald eine lebendige künstlerische Atmosphäre entstehen und die stolze Kaiserstadt zum Anziehungspunkt für internationale Künstler werden. Neben der Malerei hatte Rudolf eine besondere Vorliebe für die Kunst der Goldschmiede und Steinschneider. Die kaiserliche Sammlung entwickelte sich zu einem nach ästhetischen Kriterien geordneten Universum, das als Gegenstück zum Chaos der Realität außerhalb der Mauern der Kunstkammer verstanden werden kann.

Der Kaiser scharte auch einen Kreis von Gelehrten um sich, wobei mit heutigen Augen betrachtet die Grenzen zwischen Wissenschaft und Aberglaube, Gelehrsamkeit und Scharlatanerie fließend waren. So finden sich am Prager Hof nicht nur Tycho de Brahe und Johannes Kepler, sondern auch okkultistische Abenteurer, die Spuren in den Prager Legenden hinterließen.

Ebenfalls legendenumwoben ist die Figur des Rabbi Löw, der dank seiner magischen Kräfte ein Wesen aus Lehm, den Golem, zum Leben erweckt haben soll. Rudolf, okkulten Dingen sehr zugetan, soll den gelehrten Rabbiner zu einem vertraulichen Gespräch eingeladen haben. Der reale Rabbi Löw war in Wirklichkeit ein glaubensstrenger Theologe, unter dessen Ägide als Oberrabbiner die Prager jüdische Gemeinde eine der bedeutendsten Europas wurde.

Einen besonderen Touch erhält das Bild durch die persönliche Tragik in Rudolfs Leben:  Der Kaiser litt zunehmend an psychischen Problemen, die sich in Rückzug, Untätigkeit und Depressionen äußerten, unterbrochen von Wutausbrüchen und selbstzerstörerischen Handlungen.

Politisch isoliert und von seinen Gegnern als dem Wahnsinn verfallen bezeichnet, versuchte er vergeblich, letzte Reste seiner kaiserlichen Autorität zu wahren. In die Enge getrieben, wurde er schließlich 1611 von seinem Bruder Matthias entmachtet und starb ein Jahr später. Begraben wurde er in der königlichen Gruft unter dem St. Veitsdom auf der Prager Burg.

Die gigantischen kaiserlichen Sammlungen wurden nach seinem Tod in alle Welt zerstreut. Rudolfs tragisches Schicksal wurde zu einem Versatzstück des romantischen Mythos vom magischen Prag.

Martin Mutschlechner