Die Karlskirche

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Die Wiener Karlskirche wurde gebaut um zu beeindrucken. Die Kirche besticht aber nicht nur durch ihre Monumentalität: Was heutigen Betrachtern zumeist entgeht, ist das vielschichtige symbolische Programm, das aus den einzelnen Elementen der Architektur herausgelesen werden kann.

Und er (König Salomon) richtete die Säulen auf vor der Vorhalle des Tempels: die er zur rechten Hand setzte, nannte er Jachin (hebr.: Er (Gott) richtet auf) , und die er zur linken Hand setzte, nannte er Boas (hebr.: in Ihm ist Stärke).

Altes Testament, 1. Buch der Könige 7, 21

Als 1713 Wien von der Pest heimgesucht wurde, gelobte Kaiser Karl VI. als Dank für die Errettung der Stadt eine Kirche errichten zu lassen, die dem heiligen Kardinal Carlo Borromeo geweiht sein sollte, der dank seines unermüdlichen Einsatzes für die Pestkranken als vorbildhafter Heiliger der Gegenreformation galt. Die Botschaft dahinter: der Kaiser ist in Nachfolge seines Namenspatrons um das Wohlergehen seiner Untertanen besorgt.

Während der Bau an sich nach Plänen des Hofarchitekten Johann Bernhard Fischer von Erlach entstand, wurde das ideologische Gedankengebäude dahinter von einem Gelehrtenkreis um den Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz und dem kaiserlichen Hofantiquarius Carl Gustav Heraeus, einem Fachmann für antike Geschichte und Symbolik, entworfen. Die Verknüpfung von christlichen mit antiken Symbolen macht dieses Hauptwerk des mitteleuropäischen Barock zu einem Denkmal für den Anspruch der Dynastie auf das universelle Kaisertum unter christlichen Vorzeichen.

Die strenge Monumentalität der Architektur ist voll von Zitaten aus der Antike: der kuppelbekrönte Bau wird erschlossen durch einen Eingang in Form einer Tempelhalle, die von zwei Triumphsäulen flankiert ist – ein Formenvokabular würdig eines kaiserlichen Bauvorhabens. Als Zeichen habsburgischer Demut überlässt der Kaiser diese Hoheitszeichen jedoch dem Heiligen: die Reliefs der Triumphsäulen erzählen von den Tugenden Carlo Borromeos.

Das Motiv der Säulen an sich ist wiederum aufgeladen mit Symbolik, die dennoch auf den kaiserlichen Auftraggeber verweisen: Denn Säulen gelten in der Sprache der Kunst als Symbol für Standhaftigkeit und stehen daher für das persönliche Motto Karls VI., „Constantia et fortitudo“ (lat.: „Beständigkeit und Stärke“). Sie erinnern dadurch auch an die zwei Säulen vor dem Tempel Salomons. Karl stellt sich somit in die Nachfolge Salomons als Friedenskönig.

Man kann in ihnen aber auch die Säulen des Herkules erkennen, ein von Karl VI. gern verwendetes Symbol, durch das der ‚geschichtsbewusste‘ Habsburger den schmerzhaften Verlust Spaniens für die Dynastie zu kompensieren versuchte. Denn dieses Motiv bezeichnete in der Antike die Enden der bekannten Welt, die Straße von Gibraltar. Karls Ahnherr und Vorbild, Karl V., in dessen Reich „die Sonne niemals unterging“, wählte diese als Symbol, zusammen mit der Devise „Plus ultra“ (lat.: „und darüber hinaus“), um den Anspruch Habsburgs auf die Weltherrschaft zu erheben.

Martin Mutschlechner