Das neue Rom: Fischer von Erlach und der "Kaiserstil"

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Das neue Selbstbewusstsein der Dynastie, die sich um 1700 am Höhepunkt ihrer Macht befand, suchte nach adäquaten Ausdrucksmitteln. Geschichte und Kunst wurden als Quellen einer Staatsideologie und als Propagandamittel gegen Osmanen und Franzosen instrumentalisiert: Der Wiener Hof sah sich als "Neues Rom".

Der Architekt Johann Bernhard Fischer von Erlach, in Rom ausgebildet und vertraut mit der Architektur der Antike, war ebenso bewandert in der Architektur des römischen Hochbarock wie des westeuropäischen Barockklassizismus. Fischer entwarf für den habsburgischen Hof eine neue monumentale Architektursprache, die von der späteren Forschung als Kaiserstil bezeichnet wurde.

Als ideologisches Schlüsselwerk gilt Fischers architekturgeschichtliche Abhandlung „Entwurff einer historischen Architectur“ (Erstausgabe 1721). Die Botschaft dahinter lautete, das Haus Habsburg solle Maß an den Monumenten der Vergangenheit nehmen. Fischers „Entwurff“ ist keine theoretische Auseinandersetzung mit historischen Bauten, sondern ein prächtiger Bildband, der „exempla“ aus der Geschichte für zukünftige imperiale Bauaufgaben des habsburgischen Hofes vorstellt.

In dieser breit angelegten Zusammenschau historischer Bauwerke finden sich nicht nur Bauten der klassischen Antike, sondern als Novum auch Beispiele aus außereuropäischen Hochkulturen. Neben Klassikern wie den sieben Weltwundern begegnet man daher unter anderem auch Ansichten chinesischer, arabischer und osmanischer Bauwerke. Daneben werden auch weniger bekannte Bauten aus Gebieten unter habsburgischer Herrschaft angeführt, um deren geografische wie historische Vielschichtigkeit zu veranschaulichen, wie zum Beispiel römische Ruinen in Spanien, das in Verkennung der Realität weiterhin als habsburgisches Territorium gesehen wurde, oder einige türkische Bauten in Ungarn. Den historischen Baudenkmälern gegenübergestellt präsentiert Fischer wenig bescheiden eigene Schöpfungen.

Das selbstbewusste Auftreten der Dynastie in Sachen Kunstpropaganda hatte einen langen Nachhall in der Kunstgeschichte: Bereits von manchen Zeitgenossen als Antwort der aufsteigenden Großmacht Habsburg auf die französische Dominanz gefeiert, interpretierte man den „Kaiserstil“ in der älteren Geschichtsschreibung oft als künstlerischen Ausdruck eines frühen deutschen Nationalbewusstseins. Mit deutlich deutschnationaler Konnotation gerne auch als „Reichsstil“ bezeichnet, wurde darin die Überwindung ‚welscher‘ (= romanischer) künstlerischer Bevormundung und die endgültige Durchsetzung einer genuin ‚deutschen‘ Kunst gesehen.

Martin Mutschlechner