Der Escorial

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Als sich die spanischen Habsburger auf dem Zenith ihrer Macht befanden, ließ Philipp II. einen Palast errichten, den man als Sinnbild für die habsburgische Herrschaftsideologie verstehen kann: Der Escorial ist das gebaute Symbol für den Anspruch der Dynastie auf Weltherrschaft, die unbeschränkte Macht des Monarchen und die Unerschütterlichkeit des katholischen Glaubens.

Der enorme Komplex auf einer kargen Hochebene im Herzen Kastiliens ist das Lebenswerk Philipps II., der sich ab der Grundsteinlegung 1563 um jede Kleinigkeit kümmerte: sämtliche Entwürfe und Abrechungen mussten ihm vorgelegt werden, und wenn diese von ihm für korrekt befunden wurden, setzte er ein lakonisches „Está bien asi“ (Ist gut so) darunter.

Die gigantischen Ausmaße der Anlage stehen im Kontrast zur persönlichen Bescheidenheit und asketischen Zurückhaltung Philipps. Die schmucklosen Fassaden aus hellgrauem Granit strahlen Strenge und Unnahbarkeit aus, der Mensch sollte sich klein und hilflos fühlen angesichts der kolossalen Monumentalität und uniformen Nüchternheit, geformt allein durch den Willen des Monarchen. 1584 war das Werk vollendet, 1598 starb der König hier gichtgeplagt und bewegungsunfähig.

Der Escorial ist zugleich Palast und Kloster, Mausoleum und Museum, Seminar und Bibliothek und somit die architektonische Entsprechung der Idee des allumfassenden monarchischen Gottesgnadentums. Im Zentrum der Anlage steht daher eine gewaltige Kirche, das Königliche Appartement ist um den Altarraum angelegt, sodass der König von seinem Schlafzimmer auf den Hochaltar blicken konnte. Ebenfalls in die Kirche integriert ist das Pantheon, wo die spanischen Könige begraben sind.

Besonders beeindruckt von der Idee des Escorials war der österreichische Habsburger Karl VI., der an der Durchsetzung seiner Ansprüche auf den spanischen Thron nach dem Aussterben der spanischen Habsburger im Jahre 1700 scheiterte. So plante er in Klosterneuburg einen österreichischen Escorial entstehen zu lassen. Das in unmittelbarer Nähe zu Wien gelegene Stift war dank seiner Ursprünge als dynastische Gründung der Babenberger dafür prädestiniert, beherbergte es doch das Heiligtum des österreichischen Landespatrons, des heilig gesprochenen Markgrafen Leopold III. und symbolisierte die spirituellen Fundamente der „Monarchia Austriaca“.

Die mittelalterliche Klosteranlage sollte einem dem Schema des Escorial entsprechenden barocken Klosterpalast weichen. Einen besonderen Akzent hätte die geplante Anlage durch neun, von vergrößerten Nachbildungen der Kronen des Hauses Österreich bekrönten Kuppeln erhalten. Nach dem Tod des Kaisers 1740 wurden die Bauarbeiten eingestellt, das Projekt blieb ein Torso, der trotz seiner Unfertigkeit dennoch eine Ahnung gibt vom ideologischen Programm habsburgischer Macht.

Martin Mutschlechner