Zuckersüß – Luxusartikel und Massenkonsumgut

Entwurf für Festwagen der Zuckerbäcker beim Markart-Festzug

Eine barocke Tafel ohne Zuckeraufsatz war für die höfische Gesellschaft genauso wenig vorstellbar wie für manche von uns ein Kinobesuch ohne Popcorn.

Entwurf für Festwagen der Zuckerbäcker beim Markart-Festzug

Heute als süchtig machender Dickmacher verschrien, war Zucker lange Zeit ein Prestigeprodukt der Herrschenden. Maximilian I. bestellte einen niederländischen Zuckerbäcker an seinen Innsbrucker Hof und sein Enkel Ferdinand I. ließ eine Hofkomposterei einrichten, die Marmeladen und kunstvolle Torten herstellte. Der süße Stoff war den Habsburgern so wichtig, dass sie den Zuckerbäckern in der Hofburg eine eigene Stiege – die Zuckerbäckerstiege – zubilligten. Barocke Tafeln wurden mit aufwändigen Zuckeraufsätzen dekoriert, die ganze Landschaften und Schlösser darstellten. Auch für die adelige und höfische Gesellschaft galt es als Zeichen des Luxus, wenn die ohnehin kostspieligen Heißgetränke Kaffee, Tee und Schokolade noch gesüßt wurden. Zucker war so beliebt, dass zahlreiche Speisen gezuckert oder neue erfunden wurden. Für die meisten Menschen war Zucker jedoch unerschwinglich und nur in den seltensten Fällen Teil der Mahlzeiten, wie der Zuckerverbrauch zeigt: Um 1770 wurden in Österreich lediglich rund 0,25 und in Ungarn und im Banat sogar nur 0,1 Kilogramm pro Person und Jahr konsumiert. Seine Exklusivität verlor der Zucker ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, als er nicht mehr importiert werden musste. Durch die industrielle Herstellung aus der heimischen Zuckerrübe verbilligte er sich rasch und das Zuckerangebot wurde ausgeweitet. Die Rübenzuckerindustrie bildete in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen der wichtigsten Industriezweige der Habsburgermonarchie. Durch fallende Preise wurde Zucker zu einem Massenkonsumgut und wichtigen Bestandteil der bäuerlichen Küche sowie des Speisezettels der sozialen Unterschichten: 1910 lag der durchschnittliche Zuckerkonsum bereits bei 18 Kilogramm pro Jahr.

Christina Linsboth