Tour de France und Giro d’Italia: Beliebte Touren auch ohne Rennrad

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Mit neuen Bildungsidealen sah sich der Adel im 16. Jahrhundert konfrontiert. Fechten und der Zweikampf reichten auf dem Schlachtfeld nicht mehr aus.

 

Bis dahin stand das körperliche Training im Mittelpunkt der adeligen Erziehung. Fechten, Reiten und Voltigieren mussten erlernt und auf Turnieren und Ritterspielen erprobt werden. Während des 16. Jahrhunderts wurden die Turnierhöfe nach und nach zu prächtigen Gartenlandschaften umfunktioniert. Als veraltet galten die Techniken des Zweikampfes auch auf dem Schlachtfeld, stattdessen kamen große Söldnerheere und neue Kampfstrategien zum Einsatz. Der Adel musste sich nicht nur hinsichtlich der neuen militärischen Veränderungen neu orientieren, sondern auch die staatliche Umgestaltung, mit der viele neue Arbeitsplätze geschaffen wurden, erforderte spezifische Qualifikationsanforderungen. Um im Verwaltungsdienst Fuß fassen zu können, musste sich der Adel Bildung aneignen.

Als probates Mittel setzte sich im ausgehenden 16. Jahrhundert die „Grand Tour“ durch. Diese Bildungsreisen dienten neben der Erkundung von Ländern auch zur Kontaktanbahnung mit Standesgenossen sowie zum Studium. In Begleitung eines Lehrers war der Kavalier, je nach seinen finanziellen Mitteln, Monate oder Jahre unterwegs. Die Kavalierstouren folgten festgelegten Routen. Besonders frequentiert war der „Giro d‘Italia“: Über den Brenner führte die Reise über Venedig, Padua, Bologna, die Wallfahrtskirche „Santa Casa“ in Loreto bis nach Rom. Mit der Vorbildwirkung des französischen Hofes unter Ludwig XIV. wurde auch die „Tour de France“ zum unverzichtbaren Bestandteil der Reise. Besucht wurden Straßburg, Nancy, die Ritterakademien in Angers oder Sedan und schließlich Paris. Auch die Niederlande waren bis zum Ende des 17. Jahrhunderts ein beliebtes Reiseziel.

Kavalierstouren waren oft die „Eintrittskarte“ für den Dienst am Hof oder in der Regierung und Verwaltung.Seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert entstanden nach französischem Muster zudem eigene Bildungsinstitutionen, die Ritterakademien. Mit ihnen sicherte man sich den Zugang zu den wichtigsten Stellen im Staats- und Hofdienst, in Verwaltung und Militär.

Anita Winkler