1805–1872

Sophie und die Hoffnung der Dynastie

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Sophie erfüllte die in sie gesetzten Erwartungen, für männlichen Nachwuchs der Dynastie zu sorgen.

Sophie Friederike Dorothea Wilhelmine wurde als Tochter König Maximilians I. von Bayern (1756–1825) und dessen zweiter Gemahlin Karoline von Baden (1776–1841) am 27. Januar 1805 in München mit ihrer Zwillingsschwester Maria Anna (1805–1877) geboren.

Sie galt als außerordentlich intelligent und von starker Willenskraft, sodass ihre 1824 aus rein dynastischen Gründen geschlossene Ehe mit dem unscheinbaren und jüngeren Sohn Kaiser Franz’ II./I., Erzherzog Franz Karl, für sie eine herbe Enttäuschung war.

Denn Sophie war äußerst ehrgeizig, und die meisten ihrer Schwestern heirateten regierende Könige und Fürsten – ihre Halbschwester Karolina Auguste war sogar als vierte Gemahlin Kaiser Franz II./I. Sophies Stiefmutter –,  während ihr der wenig ansehnliche zweitgeborene Sohn des Kaisers zugedacht war.

Dennoch bestanden gewisse Chancen, dass Sophie dennoch Kaiserin werden könnte, da der Kronprinz und ältere Bruder ihres Gatten, Ferdinand, körperlich und geistig kaum für das Amt geeignet war. Als dieser im  Jahre 1831 dennoch mit Anna Maria von Sardinien-Piemont verheiratet wurde, befürchtete Sophie zunächst, dass durch die Geburt eines Sohnes aus dieser Ehe ihre eigenen Chancen auf den Thron geschmälert würden. Diese Sorge war aber, wie sich bald herausstellte, unbegründet, da die Ehe Ferdinands kinderlos blieb.

Die tatendurstige Sophie tat sich anfänglich angesichts der verkrusteten Verhältnisse am Wiener Hof schwer, sich zu positionieren. Der regierende Kaiser Franz war alt und auch der dominierende politische Gestalter Staatskanzler Fürst Metternich hatte den Zenith seiner Karriere überschritten.

Sie fand einen Seelenfreund in dem nur sechs Jahre jüngeren Napoleon Franz Joseph Bonaparte, Herzog von Reichstadt, dem Sohn Napoleons, der am Wiener Hof aufgewachsen war. Wie weit diese Romanze ging, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen: Gerüchte, dass der zweite Sohn Sophies, Maximilian, eigentlich ein Sohn des Herzogs von Reichstadt gewesen sei, sind eher unwahrscheinlich, da dieser zum fraglichen Zeitpunkt bereits schwer an Kehlkopftuberkulose erkrankt war.

Nach mehreren Fehlgeburten kam 1830 mit Franz Joseph endlich der ersehnte Sohn zur Welt. In der Folge gebar Sophie noch fünf weitere Kinder, von denen drei Söhne, Ferdinand Maximilian, Karl Ludwig und Ludwig Viktor das Erwachsenenalter erreichten.

Die Erzherzogin baute ihre Söhne, vor allem ihren Erstgeborenen Franz Joseph,  sukzessive als personelle Hoffnungsträger der Dynastie auf. Sie legte größten Wert auf deren Erziehung gemäß den dynastischen Traditionen. Sie lehnte die Aufklärung sowie liberale Tendenzen ab und machte sich für eine Stärkung des monarchisch-dynastischen Gedankens stark. Sophie war eine strenggläubige Katholikin der antiliberalen-klerikalen Richtung und bekämpfte das josephinische Staatskirchentum – in einer erstarkten Katholischen Kirche sah sie eine wichtige Stütze im Kampf gegen revolutionäre Strömungen im Volk.

Nach und nach baute sie nun ihre Position bei Hof und in der Familie konsequent aus. Sophie wurde mit ihrem starken Charakter zur bestimmenden Gestalt in der Familie. Sie stand in Opposition zu Staatskanzler Metternich, der in ihr einen der wenigen ernstzunehmenden Gegner aus der Dynastie fand. Sie warf ihm vor, er wolle „die Monarchie ohne Kaiser führen und mit einem Trottel (damit war Ferdinand gemeint, Anm. des Autors) als Repräsentanten der Krone“, was ihren Idealvorstellungen der dynastischen Monarchie keineswegs entsprach. Von außenstehenden Beobachtern der Wiener Verhältnisse wurde Sophie als „der einzige Mann“ im Erzhaus bezeichnet.

Martin Mutschlechner