Oh Tannenbaum – die Habsburger und der Christbaum

Franz Kollarz: Weihnachtsabend in der Hofburg in Wien, Xylografie, 19. Jahrhundert

Ein festlich geschmückter und mit Kerzen bestückter Christbaum stellt heute das wichtigste Symbol des Weihnachtsfestes dar. Dies war aber nicht immer so. Dass sich dieser Festbrauch im Bereich der Habsburgermonarchie durchsetzte, ist nicht zuletzt den Habsburgern zu verdanken.

Franz Kollarz: Weihnachtsabend in der Hofburg in Wien, Xylografie, 19. Jahrhundert

Ein Christbaum im heutigen Sinn ist in Wien erstmals in der Biedermeierzeit offensichtlich über Vermittlung aus Norddeutschland aufgetaucht. In protestantischen Ländern wurde Weihnachten seit langem als ein Fest der bürgerlichen Familie, als gefühlsbetontes, inniges Erlebnis der Geburt Jesu – im Gegensatz zum öffentlich begangenen, kirchlichen Festtag in fröhlicher Geselligkeit der katholischen Tradition – gefeiert. Das „neue“ stille Weihnachtsfest unter dem Christbaum wurde im Bereich der Habsburgermonarchie erst im Biedermeier zum Inbegriff für frommen Familiensinn und bürgerliche Häuslichkeit.

Dieser rasante Bedeutungswechsel und dessen bereitwillige Annahme in Wien läßt sich durch die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen  im josephinischen und biedermeierlichen Wien erklären: die neue Schicht des wirtschaftlich starken gehobenen Bürgertums übernimmt nun in der Zeit  der industriellen Revolution die Führungsrolle in der Gesellschaft und sucht nach neuen Ausdrucksformen für seine neuen Wertvorstellungen in Bezug auf Familiensinn.

Im Jahre 1814 ist in Berichten der Metternich’schen Staatspolizei erstmals von einem Christbaumfest im Salon der jüdischen Bankiersfamilie Arnstein zu lesen, an dem die Anwesenden reichlich mit Geschenken bedacht wurden, was damals in Wien am Heiligen Abend unüblich war. Die Frau des Hauses, Fanny von Arnstein, stammte aus Berlin und brachte diesen Brauch aus ihrer Heimat mit.

Seinen rasanten Triumphzug in die Wohnzimmer des Bürgertums begann der Christbaum jedoch im Umfeld des Wiener Hofes, und zwar ebenfalls über Vermittlung aus Norddeutschland. Die aus einer helvetisch-protestantischen Familie stammende Gattin Erzherzog Karls, Henriette von Nassau-Weilburg, brachte diesen norddeutschen Brauch an den Wiener Hof. Zu Weihnachten des Jahres 1816 erstrahlte im Hause Habsburg erstmals ein Christbaum im Lichterglanz. An dieser Weihnachtsfeier nahm auch Kaiser Franz I. teil, der vom Zauber des Christbaumes derart beeindruckt war, dass er den Auftrag gab, in Zukunft auch in der Hofburg einen Christbaum aufzustellen. In der Folge wurde es auch in katholischen Haushalten üblich, das Weihnachtsfest unter dem Christbaum zu begehen: war es 1821 laut Berichten noch nahezu unmöglich in Wien einen Christbaum zu bekommen, so gab es ab 1829 bereits Christbaumverkäufer beim Schottentor, und 1851 soll der Platz Am Hof in der Vorweihnachtszeit bereits einem Wald geglichen haben.

Diese Veränderungen rund um das Weihnachtsfest wurden aber oft auch kritisch gesehen. Erzherzog Johann, als Familienmitglied Augenzeuge der ersten Christbaumfeste im Hause Habsburg, beklagte sich über die neue Mode und den daraus resultierenden Verlust religiöser Inhalte und die Problematik der üppigen Geschenke: „Abends  ging ich (…) zu Bruder Carl. Da es Heiliger Abend ist, so waren alle Kinder vereinigt und was von uns da ist versammelt. Obgleich ich einige Freude hatte, alle die Kleinen, welche die Hoffnung des Hauses ausmachen, zu sehen, so verstimmte mich gleich die große Hitze durch die vielen Lichter. In früherer Zeit, als ich klein war, gab es ein Kripperl, welches beleuchtet war, dabei Zuckerwerk - sonst aber nichts. Nun ist kein Kripperl mehr! Wir sahen einen Christbaum mit vielem Zuckerwerk und Lichteln und ein ganzes Zimmer voll Spielereien aller Art und wahrlich manches sehr Schönes und Vieles, welches in wenigen Wochen zerschlagen, zertreten, verschleppt sein wird und welches gewiß tausend Gulden gekostet. (…) Endlich als (…) ich Zimmer an Zimmer  durchging, keinen Fleck im Haus mehr fand, wie ich es gekannt, alles von einer Pracht mit einem solchen Aufwand gemacht sah, da wurde es mir fremd, ich fand mich so einsam und keinen frohen Blicks konnte ich mehr machen.“

Martin Mutschlechner